ALASKA: der gefährlichste Job der Welt

VON OLAF KANTER // Fotos: Ankerherz & DMAX

Es gibt zwei Arten von Wasser. Weiß ist die Gischt, die entsteht, wenn der Sturm die See so aufwühlt, dass die Wellenkämme brechen und vom Wind übers Meer gepeitscht werden. Schwierig wird es für Crew der “Time Bandit” aber erst, wenn grünes Wasser über den Bug kommt. Grünes Wasser ist die volle und ungebrochene Wucht der Welle, grünes Wasser reißt die Männer an Deck von den Füßen und spült sie über Bord, wenn sie nicht aufpassen.

Grünes Wasser hat den Dampfer von Johnathan Hillstrand einmal fast versenkt. Eine mächtige Welle überrollte das Vorschiff und riss einen Container mit Köderfisch aus seiner Verankerung. Der Kahn legte sich auf die Seite, der tonnenschwere Klotz rutschte quer übers Deck – und das Schiff richtete sich nicht mehr auf. Alle an Bord hielten die Luft an. Gerade erst hatte Johnathan seine Crew reingeholt, weil die Bedingungen zu heikel wurden. Langsam richtete sich der Dampfer dann doch wieder auf, bis der Käpten seine Männer rausschicken konnte, um die Box wieder festzuzurren. Sie arbeiteten so schnell, sagt er später, wie er es bei ihnen noch nie gesehen hatte.

So ist das Leben der Fischer auf der Beringsee.

Ihre Fanggründe gehören zu den stürmischsten auf den Weltmeeren. Und was die Sache noch schlimmer macht, ist die Beute, auf die sie es abgesehen haben. Johnathan Hillstrand, seine Brüder Andy und Neal und die anderen Männer von der “Time Bandit” fangen Krabben, die nur im Herbst und Winter in die Reusen gehen, wenn das Wetter in den subarktischen Gewässern der Beringsee am unerbittlichsten ist. Königskrabben fangen sie, hässliche Biester, eine Art Meeresspinne auf Anabolika. Man nennt sie auch Monsterkrabbe, und das trifft es eigentlich sehr gut. Sie haben einen stachelbewehrten Panzer und Beine, die fast einen halben Meter lang werden. Sie sind Allesfresser – und verschmähen auch die eigenen Artgenossen nicht. Sonst haben sie kaum Feinde in ihrem Reich hundert Meter unterm Meeresspiegel. Nur eben Johnathan und seine Crew, denn das Fleisch in den Beinen der Krabbe ist eine Delikatesse, für die Feinschmecker viel Geld bezahlen.

Bei den Ureinwohner Alaskas standen die Krebse zwar schon seit Urzeiten auf dem Speiseplan, doch die kommerzielle Fischerei hat sie erst in den fünfziger Jahren entdeckt. Was folgte, darf man getrost mit dem großen Goldrausch vergleichen, als sich Ende des 19. Jahrhunderts die Abenteurer zu Tausenden über den Chilkoot-Pass quälten, um am Klondike nach Gold zu schürfen. Auch auf der Beringsee kann man es schnell zu einem Vermögen bringen: Wenn es gut läuft, verdient selbst der einfache Seemann tausend Dollar am Tag.

Der wichtigste Fischereihafen der Nation

Sie zahlen allerdings einen hohen Preis dafür. Am Klondike starben die Goldsucher, weil sie nicht richtig ausgerüstet waren für die Auseinandersetzung mit einer gewaltigen Natur. Dasselbe gilt für die Krabbenfänger der ersten Stunde. Viele Schiffe kommen nicht zurück von ihrer Fangreise, die Gier nach dem schnellen Geld bringt viele Männer um. Schwimmwesten? Rettungsinseln? Fremdwörter auf den Kähnen der Pioniere.

Heute darf keiner raus auf die Beringsee, wenn seine Ausrüstung nicht perfekt ist. Trotzdem bleibt die Fischerei im hohen Norden ein gefährliches Unterfangen. In der US-Statistik über tödliche Arbeitsunfälle rangieren zwei Branchen ganz oben – Holzwirtschaft und Fischerei. Im Schnitt verzeichnen die Holzfäller 117 Todesfälle auf 100.000 Beschäftige. Die Fischer liegen mit 71 Toten auf dem zweiten Rang. Noch schlimmer sieht es aus, wenn man die Krabbenfischerei Alaskas allein betrachtet. Hochgerechnet kommen die Fischer aus dem Norden auf 300 bis 400 Todesfälle je 100.000 Beschäftigte im Jahr. So ist der Krabbenfänger zu seinem Superlativ gekommen: der “gefährlichste Job Amerikas”.

Das Drama hat sich lange im Verborgenen abgespielt, in einer entlegenen Ecke des Planeten. Dutch Harbor, der Ausgangshafen für die Fangreisen ins pazifische Nordmeer, liegt auf der Aleuteninsel Unalaska. Es ist ein unwirtliches Stückchen Land, karg, felsig und verdammt windig. Lagerhallen, Fischfabriken, Werften, Tanklager, dazu drei Kneipen, ein Hotel und ein paar rustikale Unterkünfte für Arbeiter und Fischer, mehr gibt es hier nicht. Aber kein anderer US-Hafen schlägt solche Mengen an Fisch und Krabben um, Dutch Harbor ist der wichtigste Fischereihafen der Nation.

Die meisten Amerikaner waren sich der Bedeutung dieses Vorpostens im Nordpazifik nicht bewusst, bis das Fernsehen ein Fenster in diese entlegene Welt öffnete. Der TV-Produzent Thom Beers entdeckte die Fischer Alaskas als Sujet für eine Doku-Serie, und der Discovery Channel schlug ein. Gleich der vierteilige Pilotfilm wurde 2005 ein Erfolg, und die Serie gehört seither zu den erfolgreichsten Formaten ihrer Art. Das Leben der Krabbenfischer läuft dabei nicht etwa als Nischenprogramm spätabends, sondern zur Primetime, um neun Uhr abends. Zwischen drei und fünf Millionen Zuschauer sitzen dann vor der Glotze und lassen sich für eine Dreiviertelstunde auf die eisige Beringsee versetzen.

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Der Text ist das stark gekürzte Vorwort aus unserem Buch TIME BANDIT. In jeder gut sortierten Buchhandlung oder HIER bestellen. HENNING BAUM hat das Audiobuch eingelesen.

 

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