Ein alter Fischer erzählt von Weihnachten auf See

WEIHNACHTEN AUF SEE. Kapitän Charly Behrensen war ein alter Fischer. Im Ankerherz Blog erzählte er die aufregendsten Abenteuer seines Lebens. In dieser Folge Weihnachten auf See.

 Ein Seemann, der an Weihnachten zu Hause blieb, war für uns eine Memme. Die Jungs, die sich an den Feiertagen für ihre Familien und gegen das Meer entschieden, wurden aufgezogen. Gnadenlos. In den fünfziger und sechziger Jahren gab es keine Feiertage. Nicht für uns. Es wurde gearbeitet, wenn Fisch da war. Und Fisch gab es damals genug. 22 Heiligabende habe ich gezählt, die ich auf Fangreise beging.

Mein erstes Weihnachten auf See erlebte ich 1955. Ich saß an Deck der „Bayern“ und knüpfte am 24. Dezember mit kalten, ungeschickten Fingern bis Mitternacht Netze. Seit Wochen lag unser Trawler im Ärmelkanal und fischte auf Hering. Ich war siebzehn, Matrose, und schaute wehmütig zu den kleinen beleuchteten Fenstern, die von der Küste Dovers herüber schienen. Sie erinnerten mich daran, wie meine Mutter zu Hause in der beheizten Stube saß, die festlich nach Essen und Tannenzweigen roch. Zu Weihnachten kochte sie immer ein Suppenhuhn. Als Vorspeise servierte sie die Brühe mit etwas Fleisch, Gemüse und Reis. Danach aßen wir die Hühnerbrust mit Kartoffeln und einer Poreesoße. Egal wie schlecht es uns ging, wie wenig Geld wir hatten, das Suppenhuhn landete zu Weihnachten immer im Topf. Familientradition.

Zwei Schachteln Kippen zu Heiligabend

Meine Reederei spendierte am 24. jedem Seemann einen Teller mit einem Apfel, einer Orange, einem Marzipanbrot, acht Spekulatius und zwei Schachteln Zigaretten. Und abends eine halbe Ente, die mit den Jahren für uns zum Weihnachten auf See gehörte wie der Rum zum Grog. Vielleicht zwei Stunden hatten wir, in denen wir aßen und uns Weihnachtsgrüße vorlasen, dann ging es wieder an die Netze. Wir fischten damals vor Grönland, Island oder Norwegen, und die Kälte war so unerbittlich, dass unsere Nasen anfingen zu bluten. Manchmal hatten sich auf dem Schiff Eisblöcke von eineinhalb Metern Höhe aufgetürmt, die wir zerschlagen mussten, um arbeiten zu können. Die ruhigsten Feste erlebte ich, wenn draußen ein Orkan wütete und uns das Fischen unmöglich machte.

 

Aber nicht alles war trostlos. Es gab Momente, die so wunderschön und still waren, dass ich sie nie vergessen werde. Es war Heiligabend, ich stand als Käpt’n auf der Brücke meines Fischtrawlers und schaute über die See. In einem Umkreis von zehn Meilen lagen vier Dutzend Schiffe auf dem Meer – Russen, Engländer, Ostdeutsche, Spanier, Franzosen und Portugiesen, alle im Schicksal geeint das Fest fernab von ihren Familien zu verbringen. Die Labradorsee zwischen Kanada und Grönland war ruhig, und die bunten Lichter der Schiffe spiegelten sich auf dem schwarzen Wasser. Es war, als würde ich auf ein Meer von Weihnachtsbäumen blicken.

Ein Meer aus Weihnachtsbäumen

Unseren eigenen an Bord schmückten wir mit vier oder fünf Kerzen (mehr konnten wir wegen der Brandgefahr nicht anzünden) und jeder Menge Lametta, das wir aus dem Silberpapier unserer Zigarettenschachteln bastelten. Gab es keinen Weihnachtsbaum, bauten wir uns einen aus einem Besenstiel, in den wir Löcher bohrten und grünes Tauwerk hindurch zogen.

Eine besondere Tradition gab es noch, die uns unseren Familien zu Hause dann doch wieder näher brachte: die Sendung „Gruß an Bord“ des Norddeutschen Rundfunks. Seit fast 60 Jahren schicken mit ihr Familien Grüße an ihre Männer auf See. Egal wie sehr unsere Boxen und Lautsprecher knisterten und knackten, wir stellten die Sendung immer auf dem gesamten Schiff durch. Wir wussten, unsere Familien zu Hause saßen auch vor ihren Radios. Dieser Gedanke verband. So feierte wir den Heiligabend auf unsere Art doch gemeinsam.

 

Kapitän Charly Behrensen. // Foto: Nilz Böhme

Charly Behrensen war Hochseefischer. Er starb im Mai 2015 in seiner Heimatstadt Cuxhaven. Er ist einer der Kapitäne, die in “Orkanfahrt” die beste Geschichte ihres Lebens erzählen. HIER BESTELLEN

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