ANKERHERZ AUF REISEN: Entschleunigt nach London

Ich mag die Nordsee, weil sie oft wild ist und rau, wenn ein Sturm darüber zieht und die Luft so intensiv nach Meer riecht, wie sie nur an der Nordsee riecht, nach Algen und Tang und Salzwasser und so frisch. Wenn man den Kragen hochstellt und an der Wasserkante langgeht und der Kopf frei wird. Oder noch besser: Auf See, wenn man die Kraft der Wellen spürt und den Wind. Ein bisschen hatte ich auf gutes, also in diesem Fall schlechtes Wetter gehofft, als die „MS Hamburg“ in Bremerhaven die Leinen losmachte, mit Kurs England. Knapp 400 Seemeilen sind es bis in die Hauptstadt, einmal quer rüber. Entschleunigt nach London.

Eigentlich stürmt es immer, wenn Kapitän Schwandt und ich gemeinsam auf einem Schiff sind: Auf dem Weg nach Island gerieten wir mit der Fähre MS Norröna (auf der wir an „Sturmwarnung“ arbeiten) in einen solch schweren Orkan, dass der Kapitän das Schiff 18 Stunden auf den Färöer-Inseln festmachte. Sogar auf dem Weg von Klaipeda nach Kiel zog ein Sturm auf – auf der Ostsee im Spätsommer zehn Beaufort zu erleben, ist eher selten.

Die Nordsee – eine große Pfütze

Doch nun, auf dem Weg zur ersten Station von „Very British“ (nächste Häfen u.a.: Dublin, Belfast, Edinburgh) ist die Nordsee so glatt wie eine große Pfütze. Der Schiffsdiesel brummt, die Sonne versinkt langsam, alles so tief und blau. Ein großer Containerfrachter überholt, denn wir sind im „Schleichmodus“ unterwegs, mit vielleicht sechs, sieben Knoten. Es gibt keine Eile: Nur bei Hochwasser können wir die Themse hochfahren – und für uns wird die „Tower Bridge“ hochgeklappt, was natürlich nicht im Berufsverkehr funktioniert. Das Zeitfenster muss genau passen.

Wir stehen vorne an der Reling von Deck 6. Kapitän Schwandt raucht die nächste Zigarette und erzählt von einer Reise als junger Matrose, auf einem kleinen Frachter, mit Stückgut und Schnittholz an Bord. In den 1950er Jahren, als Dockarbeiter aussahen wie Jazz-Musiker und ewige Streiks den Hafen lahmlegten und der berühmte Londoner Smog wie ein schwerer, grauer Mantel über der Stadt lag.

Der Kaffee schmeckt, der Tag geht langsam. Die Nordsee kann auch schön sein, wenn sie nicht wild ist. Morgen früh fahren wir mit der „Hamburg“ die Themse hoch, lange vor Sonnenaufgang.

 

Morgen lesen Sie: LONDON – unter der Tower Bridge.

WILDE WELLE – Ein Buch für Alle, die das Meer lieben.

 

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[…] in die Seele der Britischen Inseln und von Irland. Von Bremerhaven aus steuern wir London an, fahren die Themse hinauf und unter der Tower Bridge hindurch. Alleine dies ist ein unvergessliches Erlebnis, und das kleine […]
Very British - von London bis auf die Hebriden mit Ankerherz on Jun 01 2018