Ankerherz History: Der Drinkeldodenkarkhoff von Spiekeroog

Wenn in früheren Zeiten ein Schiff sank und die Ertrunkenen angespült wurden, begrub man sie auf dem Friedhof der Heimatlosen. Einen solchen Drinkeldodenkarkhoff gibt es auch auf der Insel Spiekeroog. Lest hier eine Geschichte aus unserem neuen „Kleinen Buch vom Meer Inseln“, überall im Handel und hier im Ankerherz Buchladen.

Auf manchen Schiffen, manche Seeleute spüren das, scheint ein Fluch zu liegen. Die Johanne, eine hölzerne Bark, mag ein solches Schiff gewesen sein. Von Geestemünde, dem heutigen Bremerhaven, sollte die Reise über den Atlantik nach New York gehen, mit 216 Auswanderern an Bord.

Als das Schiff am 2. November 1854 den Hafen verließ, herrschte bereits schlechtes Wetter über der Nordsee. Der Wind briste immer weiter auf entwickelte sich zum schweren Sturm. Ein Matrose ging über Bord und konnte nicht gerettet werden, und dann trafen einige Grundseen das Schiff. Mehrere Stagsegel gingen verloren, und damit war das Schicksal der Johanne besiegelt.

Schiffbruch vor Spiekeroog

Der Orkan trieb das Segelschiff auf eine Untiefe vor der Insel Spiekeroog. Ein Mast brach und stürzte auf das Deckshaus, Brecher überspülten das Deck und rissen Passagiere mit sich. Brecher zertrümmerten die Rettungsboote, und nun gab es keine Rettung mehr. Vom Strand aus hörten die Insulaner die verzweifelten Schreie im Sturm, doch sie konnten nur zusehen. Erst nach Ablaufen des Wassers konnte eine Rettungsaktion anlaufen. In Chroniken ist vermerkt, wie liebevoll sich die armen Inselbewohner um die Überlebenden kümmerten. Doch der Strand war auch übersäht Leichen. 77 Auswanderer ertranken, 18 Kinder, sieben Säuglinge.

Sturm über der Nordsee. // Foto: Ankerherz

 

Die Ereignisse dieser Novembertage, die Hilfslosigkeit und das Entsetzen führten schließlich zur Gründung der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS). Im Laufe der Zeit versank das Wrack der Johanne im Mahlsand. Zu den Teilen, die man bergen konnte, gehörte die Schiffsglocke. Sie steht heute im Inselmuseum.

Der Drinkeldodenkarkhoff von Spiekeroog

Man begrub die Toten auf dem „Drinkeldodenkarkhoff“, dem Friedhof der Heimatlosen. Auf dem kleinen Inselfriedhof war nicht genug Platz, und es war auch nicht ungewöhnlich, eine Ruhestätte in den Dünen zu suchen. Solche Ruhestätten gibt es auf anderen deutschen Inseln. Auf der Düne von Helgoland, auf Borkum, am Rande von Nebel auf Amrum, in Westerland auf Sylt. Die älteste dieser Ruhestätten wurde schon 1319 erwähnt, auf der Insel Neuwerk in der Mündung der Elbe vor Cuxhaven.

Dass die Insulaner die angespülten Leichen begruben und nicht den Elementen überließen, hatte mit Mitgefühl zu tun. Oft trugen Seeleute auch einen goldenen Ring im Ohr, in der Erwartung, damit jene zu entlohnen, der ihn nach einem Unglück christlich begrub. Die Menschen auf den Inseln kannten die Nöte, die das Leben im Meer mit sich brachte. Blieb ein Seemann draußen auf See, stürzte dies oft seine Familie mit ins Unglück. Hatte der Seemann nicht in die Kasse einer Schiffergesellschaft eingezahlt, in die sich Seeleute zusammengeschlossen hatten, drohte den Angehörigen der wirtschaftliche Ruin.

Hinzu kamen die seelischen Leiden, von denen alte Sagen auf den Inseln berichten.

Wie die einer jungen Frau, die ihren Liebsten vermisste, nachdem alle Schiffe zurückgekehrt waren. Nachts saß sie oft am Ufer, weinte und rief seinen Namen, bis ihr ein Schiff erschien. Es sah aus wie das Schiff ihres vermissten Mannes und nahm sie mit an Bord. Einen wahren Kern hat diese Sage: Sie sollte anscheinend dazu dienen, ihren Selbstmord in der kalten Nordsee zu erklären.

 

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