ANKERSCHMERZ, Geschichten von der Straße. Engel

Ich war für einen Mittag ein Engel. Schon seit Jahren bin ich in der Facebook Gruppe: „Engel in den Straßen“ und beobachte ihre Arbeit. Sie sind eine ehrenamtliche Initiative, die in der Winterzeit alle zwei Wochen und im Sommer alle vier Wochen Hilfsgüter an Obdachlose verteilt.

Sie leisten pragmatische Hilfe für Obdachlose. Das klingt politisch sehr korrekt. In meiner Realität retten sie mit einem Schlafsack womöglich Leben.

Ich tue mich mit dem Begriff „Engel“ schwer. Für mich ist es etwas vollkommenes. Meine Oma kann ich mir als Engel vorstellen und manchmal rede ich mit ihr, weil ich hoffe, dass sie mich irgendwo hören kann. Ich bin bestimmt kein Engel. Dafür bin ich zu oft im Konflikt mit meinem Bösen. Ständig bin ich mit meinen Fehlern konfrontiert , darum ist dieser Begriff sehr weit weg für mich.

Umso glücklicher macht es mich, dass ich eines Besseren belehrt wurde. Ich habe an diesem Tag Engel gesehen.

Ankerschmerz Engel Dominik

Die Arbeit der Frauen und Männer, das einfache Geben ohne jegliche Erwartungen und Ansprüche hat mich beeindruckt. Ich traf selbstlose Menschen. Überhaupt war ich überrascht, wie viele mithalfen. Ich habe bestimmt zwanzig Leute gezählt, die gelbe und orangene Warnwesten trugen.

Engel in Warnwesten

Ich kam an diesem Tag in der Hamburger Innenstadt vorbei, weil es einen Aufruf gab, dass Personal fehlte. Ich rechnete mit einer Handvoll Menschen, die vielleicht aus einem Sprinter heraus ein paar Kleinigkeiten verteilen. Doch es war größer, gut organisiert, wie ein Flohmarkt aufgebaut. Die Menschen durften sich aussuchen, was sie brauchen und sich bei Kaffee und Kuchen entspannt Zeit lassen. Alles war übersichtlich aufgestellt, sauber, leicht zu finden. Hier gibt es einen Plan, der mit Liebe zum Detail ausgeführt wird.

Die „Engel der Straßen“ geben den Obdachlosen alle Wochen die Chance sich zu treffen und auszutauschen. Ein Tag, auf den man sich freut, bei Kuchen und Kaffee ein bisschen plaudern zu können. Ein Ort, an dem Grundbedürfnissen versorgt werden, der gleichzeitig aber auch ein kleines Erlebnis wird. Ein kurzer sozialer Kontakt, bevor man sich wieder zurückzieht. Die Engel denken natürlich auch an die vielen Hunde. Die treuen Wegbegleiter, die für viele der letzte Freund ist.

Die Engel geben sehr viel Zeit und Kraft, damit andere ein paar Stunden Abstand haben von ihrem täglichen Kampf auf den Straßen.

Danke.

Dominik Bloh, Jahrgang 1988. Seit elf Jahren lebt er immer wieder auf den Straßen von Hamburg. Im Ankerherz Blog „ANKERSCHMERZ“ & auf seiner gleichnamigen Facebook-Seite erzählt er aus seinem Leben. 

 

0 comments

Leave A Comment