ANKERSCHMERZ, Geschichten von der Straße. Geburtstag.

Heute ist mein Geburtstag. Wie immer ist es ein schwerer Tag für mich. An diesem Tag vergleiche ich mich mit anderen – und mir wird bewusst, was mir alles fehlt. Mir wird an diesem Tag klar, wie allein ich bin. Mein einziger Wunsch ist es, dazuzugehören.

In meinen Vorstellungen feiert man seinen Geburtstag mit einem Fest. Ich hörte als Kind die Geschichten von Kerzen, die man auspustet. Geschenke auspacken und mit den Liebsten feiern.

Bei uns zu Hause gab es an manchen meiner Geburtstage nicht mal genug zu essen.

Ich hörte: Die Familie kommt zusammen. Freunde und Bekannte sind da, um gemeinsam den Tag zu genießen. Das fehlte mir. Ich kenne das nicht. Ich wuchs ohne Geburtstagsfeiern auf. Meine Mutter glaubte streng an die Bibel und daran, dass der Geburtstag ein heidnisches Fest sei.

Sie liebte Gott, nicht mich.

Dominik Porträt Bart

Ich gewöhnte mich daran, meinen Geburtstag nicht zu feiern. Man gewöhnt sich wirklich an alles mit der Zeit.

Lügen zum Geburtstag

Was ich nicht verdrängen konnte, waren meine Freunde, die mich für komisch hielten, weil ich nicht wie die anderen ins Kino oder zum Bowling ging, sondern die Bibel studierte. Das machte mich anders.

An meinem Geburtstag log ich. Ich erzählte irgendetwas von der Familie und was für coole Geschenke ich bekommen hatte. Jedes Jahr wurden die Geschichten ausgeschmückter, doch richtig gefreut hat sich keiner für mich. Es fanden eher alle merkwürdig, dass ich so vieles erzählte, aber nie jemanden aus meiner Klasse zur Party einlud.

Darum wurde ich von den Anderen auch nicht zu ihren Feiern eingeladen.

In Wirklichkeit saß ich alleine zu Hause und stellte mir vor, wie es wäre, auf einer Party meiner Freunde zu sein und mit ihnen Spaß zu haben.

Das hat mich verletzt. Ich beschloss, meinen Geburtstag niemanden mehr zu verraten. Ich erzählte nicht mal mehr, wie alt ich war. Ich verleugnete den 24. Juni und verbrachte die Tage meistens auf Basketballplätzen, wo mich keiner kannte. Oder ich versteckte mich zu Hause und hörte Musik. „Notorious Big“ rappt auf dem Song „Juicy“:

„Birthdays was the worst days but now we sip champagne when we thirsty“.

Geburtstage waren echt die schlimmsten Tage.

Kurz nach Mitternacht starrte ich auf das Handy und hoffte, dass jemand an mich denkt. Richtig scheiße fühlte ich mich, wenn der erste Gratulant der automatisierte Vodafone-Gruß war.

Zum Glück gibt es auch ein paar gute Erinnerungen. Mit meinen beiden besten Freunden habe ich in einer unvergesslichen Nacht meinen 18. Geburtstag gefeiert. Meine Freundinnen haben sich immer Mühe gegeben, mir einen schönen Tag zu machen.

Ich traute mich aber nicht, andere einzuladen. Ich hatte Angst, dass keiner kommt.

Ich wurde schon oft genug hängengelassen.

Ich hatte sowieso nie Geld und konnte niemandem etwas bieten. Der Kühlschrank war leer und ich wäre der schlechteste Gastgeber gewesen, dafür hatte ich mich zu sehr geschämt. Oft hatte ich nicht mal ein Zimmer, in das ich Gäste einladen konnte. Ich hatte kaum Freunde. Meine Freundschaften machte ich kaputt und verlor die einzigen Menschen, die für mich da waren.

An meinen Geburtstagen fühlte ich mich am einsamsten. Ich wünschte mir eine Familie und Freunde. Das sind die Bilder in meinem Kopf.

Für heute hatte ich überlegt, etwas zu unternehmen.

Ich habe ein paar Freunde angeschrieben. Einige haben abgesagt, manche reagierten gar nicht, dann habe ich den Mut verloren und aufgehört. Dieses Jahr bin ich noch nicht bereit.

Ein großer Schritt

Trotzdem bin ich nicht mehr allein. Wenn ich möchte, wird jemand seine Zeit mit mir verbringen. Das ist das beste Geschenk. Ich habe mehr als eine Handvoll Menschen, die ich bei einem Problem um Hilfe bitten kann. Das hatte ich noch nie. Es bereichert und gibt mir das Gefühl von Sicherheit.

Ich baue wieder Vertrauen zu anderen auf. Ich kann zu heute sagen: Ich habe Geburtstag. Ich werde 28 Jahre alt.

Das ist für mich schon ein großer Schritt.

Darum hoffe ich, nächstes Jahr mit meinen Freunden ein Fest zu feiern. Heute sitze ich am Hafen und schaue aufs Wasser. Das ist genau der Ort, wo ich gerade sein möchte.

Alles wird gut.

 

Dominik Bloh, Jahrgang 1988. Seit elf Jahren lebt er immer wieder auf den Straßen von Hamburg. Im Ankerherz Blog „ANKERSCHMERZ“ erzählt er aus seinem Leben.

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