ANKERSCHMERZ, Geschichten von der Straße. Überleben

DIE GEWALT DER STRASSE

Auf der Straße versuche ich, mit geöffneten Augen zu schlafen. Vom leisesten Geräusch werde ich wach, ich lausche und versuche zu spüren, ob sich eine Gefahr nähert. Andere Obdachlose schlafen in Gruppen oder einem Stammplatz, um sich vor Gewalt zu schützen. Ich nicht. Ich möchte alleine sein.

Meinen Schlafsack ziehe ich nie ganz zu, höchstens bis zur Brust, damit ich schneller reagieren kann. Es gibt Menschen, die zünden die wenigen Habseligkeiten von Obdachlosen an. Schlafsäcke fangen schnell Feuer. Deshalb schlafe ich nur mit geöffnetem Reissverschluss.

In Internetforen und im Facebook fragen Leute in diesen Tagen, was denn für „deutsche Obdachlose“ getan werde, wenn es um Flüchtlinge geht. Sie spielen die Bedürfnisse von Armen gegeneinander aus. Es sind dieselben Leute, die ihr Herz für Obdachlose entdecken, die uns sonst beschimpfen und beleidigen. Es ist viel Gewalt auf der Straße, und sie wird sadistischer. Sie wird brutaler.

Ich stand schon vor Fäusten, ich wurde mit Flaschen, Messern, Äxten und Schlagstöcken angegriffen, mit Quartzhandschuhe und Schlagringen attackiert. Ich habe Pfefferspray ins Gesicht bekommen und bin zusammengeschlagen worden. Nie gab es dafür einen Grund. Es passierte, weil Menschen einen Weg suchen, andere zu erniedrigen und aufgestaute Wut abzubauen. Obdachlose sind eine Zielscheibe. Ich schlafe mit einem Feuerzeug in den Händen, um mich besser wehren zu können. Die wenigsten Obdachlosen wehren sich gegen Gewalt. Auch nicht, wenn sie das Opfer geworden sind – weil sie fürchten, dass sie die Polizei nicht ernst nimmt.

Oft ist ein Mix aus Gruppendynamik und Alkohol, der vor allem junge Männer dazu bringt, sich an Schwächeren zu vergreifen. Vor einigen Monaten kam eine Gruppe aus einem Club in einem noblen Stadtteil. Die Männer gingen zu einer Gruppe, die in einem Hauseingang schlief. Sie pissten auf die Schlafenden, und als diese empört aufschreckten, traten sie sie zusammen. Nichts davon stand in der Zeitung, die Polizei wurde nicht eingeschaltet. Doch es ist Realität auf Hamburgs Straßen.

Verbale Gewalt? Alltag

Beleidigungen gehören dazu. Ich habe gelernt, verbale Gewalt abzuschütteln. Man muss es lernen. Ich glaube, dass es nicht viele Menschen gibt, die sich an einem Tag so viele Beleidigungen anhören müssen wie Obdachlose.

Ich will von Eva erzählen. Sie macht oft Platte unter der Schanzenbrücke. Hier ist immer viel los: Kneipen und Restaurants, Clubs und Bars. Eines der Szeneviertel der Stadt. Hier halten sich viele junge Menschen auf. Ich besorge Eva einen Becher Kaffee. Als ich an ihren Platz zurückkomme, schlendert eine Gruppe junger Männer vorbei. Drei Typen. Sie bleiben an ihrem Sofa stehen.

„Hey Junkiehure. Was würdest du alles für 20 Euro machen?“, ruft einer.

Die beiden anderen lachen.

Warum jemanden, der ganz unten ist, so behandeln?

Ich stehe jetzt genau neben ihnen. Eva ist eingeschüchtert, sie bekommt kein Wort herraus. Ich reicht ihr den Becher. Dann wende ich mich an die Gruppe. Ich bin nicht aggressiv. Ich möchte herausfinden, warum soetwas passiert.

„Wie kann man einen Menschen, der schon ganz unten ist , so unwürdig behandeln?“, frage ich ruhig. Ich möchte keinen Streit. Ich will nur diese Frage stellen.

Einer der Männer schubst mich sofort von der Seite. Ich schubse zurück. Er schlägt nach mir, doch trifft mich nicht. Ich bin stärker und schneller. Ein paar Treffer reichen. Damit haben sie nicht gerechnet. Fluchend gehen sie davon.

Dominik Bloh, Jahrgang 1988. Seit elf Jahren lebt er immer wieder auf den Straßen von Hamburg. Im Ankerherz Blog „ANKERSCHMERZ“ erzählt er aus seinem Leben.

 

 

 

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