ANKERSCHMERZ: Die Gewalt auf unseren Straßen

Der Name des verstorbenen Obdachlosen aus Hamburg ist Sorinel. Er ist vermutlich der erste Kältetote dieses Winters. Sein Leichnam ist gerade in der Rechtsmedizin. Sorinel wurde 45, er stammt aus Rumänien. Wo er beerdigt wird? Ich habe mit einem Mitarbeiter der Diakonie gesprochen, der von einem Fonds für Grabsteine sprach.

Ich wünsche mir für Sorinel eine angemessene Bestattung.

Auch in Köln spielte sich eine Tragödie ab. Dort fand die Polizei in einem Tunnel einen Mann, der angezündet wurde. Er starb an seinen Verbrennungen. Sein Namen war Basti, und er wurde 29 Jahre alt. Niemand sollte so früh gehen müssen. Ich bin jetzt 28 und habe das Gefühl, dass mein Leben gerade erst beginnt.

Dominik Bloh_Hafen

Ich hielt es im Zelt nicht aus

Ich habe nur ein paar Mal im Zelt geschlafen, ich hielt es nicht aus. Ich muss meine Sinne nutzen, um meine Umwelt einzuschätzen. Im Zelt fühle ich mich eingeschlossen, ungeschützt. Ich wusste, dass Zelte angezündet werden, und bereitete mich immer auf das Schlimmste vor.

Mit dem Körper lag ich seitlich zum Eingang. Die Reißverschlüsse blieben offen, damit ich schneller heraus kam. Einen Arm legte ich um den Kopf, um ihn vor möglichen Tritten oder Schlägen zu schützen. Neben mir lag ein Messer, damit ich mich im schlimmsten Fall aus dem Zelt rausschneiden konnte.

Gewalt gehört zum Alltag

Man hört im Zelt jedes Geräusch, ohne etwas zu sehen. Passanten, die vobeigehen, ein Rascheln im Gebüsch. Alles klingt so, als fände es direkt neben dem Zelt statt. Ruhe habe ich in einem Zelt nie gefunden.

Dominik-Porträt

Gewalt gehört auf der Straße zum Alltag.

Ich war in viele Schlägereien verwickelt, die immer von derselben Art Menschen ausging. Typen, die keinen Wert in uns gesehen haben, und dachten, sie konnten tun und machen was sie wollten. Die Stimmung auf den Straßen ist noch aggressiver geworden.

Keine Waffen – das ist der Kodex

Ich war die letzten Nächte draußen, inzwischen bin ich mit einem Schweizer Taschenmesser in der Jacke unterwegs. Ich weiß, dass ich es nie benutzen werde. Keine Waffen – das ist mein Kodex. Doch ich stand schon vor gezogenen Messern. Das schwere Metall in meiner Hand gibt mir ein sicheres Auftreten. Draußen muss man sich im Notfall behaupten.

Nachrichten wie die Todesfälle sprechen sich schnell herum. Die Menschen auf der Straße haben Angst, sich alleine hinzulegen. Sammeln sich in Gruppen oder suchen Schutz in öffentlichen Räumen. Da es inzwischen so viele verschiedene Gruppierungen gibt, die sich gegenseitig verachten, spürt man, wie der Druck steigt. Dabei kämpfen wir alle ganz unten, am gleichen Ende.

Dominik Bloh, Hamburg

Der Kampf um einen Schlafsack

Der Winter hat begonnen. Jetzt fällt es schwer einen guten Rückzugsort zu finden. Die öffentlichen Plätze werden von Sicherheitsdiensten bewacht. Der Platz wird also wirklich knapp, und die verschiedenen Gruppen halten sich an denselben Standorten auf. Streitereien eskalieren immer wieder, wenn es darum geht, wer welchen Schlafplatz bekommt. Dazu kommt das Klauen. Schlafsäcke sind begehrt. Wer keinen hat, der nimmt sich einen.

Es ist Gewalt, gesät durch die Not der Menschen.

Das sich betrunkene Halbstarke an den Schwächsten auslassen, habe ich schon einige Male erlebt. Ich finde diese sadistische Form der Gewalt, um Macht auszuüben, entsetzlich. In Zeiten, in der Hetze und Hass wieder gesellschaftsfähig werden, ,beobachte ich das auch im realen Leben die Gewalt zunimmt.

Man tritt auf Menschen, die schon ganz unten sind, das ist die Realität im Herbst 2016.

 

(Redaktion: Stefan Kruecken // Ankerherz)

DOMINIK BLOH, JAHRGANG 1988. SEIT ELF JAHREN LEBT ER IMMER WIEDER AUF DEN STRASSEN VON HAMBURG. IM ANKERHERZ BLOG „ANKERSCHMERZ“ ERZÄHLT ER AUS SEINEM LEBEN. UNTERSTÜTZT WIRD DOMINIK VON DER STIFTUNG „DEKEYSER & FRIENDS”DIE WELTWEIT EIGENE UND BEREITS BESTEHENDE PROJEKTE FINANZIELL, MIT IDEEN UND TATKRAFT UNTERSTÜTZT UND INITIIERT.

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