ANKERSCHMERZ: Lasst nicht zu, dass Obdachlose erfrieren!

In Hamburg war es Joanna, die regungslos auf einer Parkbank lag. Eine Passantin versuchte es noch mit Wiederbelebungsmaßnahmen, doch es war zu spät. Auch für Majic, der leblos in einer Halle in Harburg entdeckt wurde. Für Biggi, die am Michel gestorben ist. Ihr Freund hatte versucht, sie zu wecken. Diese Menschen sind für immer eingeschlafen. Obdachlose erfrieren in unserer Stadt.

Die Straße hat sie krank gemacht. Sie sind die ersten Kältetoten in diesem Jahr. Noch bevor der Winter richtig angefangen hat.

Ich habe bei minus 16 Grad draußen übernachtet. Sich gegen die Kälte zu schützen, ist lebenswichtig für Obdachlose. Ein Schlafsack rettet ein Leben. Die  wahrscheinlich beste Schlafposition bei extremer Kälte ist die Mumienposition. Die Arme eng am  Körper liegend, damit die Nieren gut geschützt sind. Die Hände übereinander auf den Bauch  gelegt, die Decke bis zum Kinn, damit kein bisschen Kälte eindringen kann. Der Unterschied ist deutlich spürbar, denn der Körper ist warm und das Gesicht eiskalt.

Obdachlose erfrieren in unserer Stadt

An manchen Stellen meines Körpers bin ich warm, ich konzentriere mich darauf. Nicht auf meine zitternden Knie. Die Zähne klappern, ich beiße so fest zu, dass mein Unterkiefer knirscht. Meine Füße sind zwei Klötze wie Eis, es tut weh, wenn ich meine Zehen bewege, alles ist steif. Meine Hände sind Zapfen. Ich muss die Finger in den Mund stecken, weil ich das Gefühl habe, sie sterben ab. Mein Bauch strahlt Wärme aus, darauf konzentriere ich mich.

“Unter Palmen aus Stahl” von Dominik Bloh.

 

Kälte lähmt. Den Körper und den Geist. Man ist eingeengt in seinen Bewegungen und Denken. An Kälte gewöhnt man sich nicht. Das gilt auch für Menschen auf der Straße. Die Kälte. Der Regen und der Schnee. Die immer gleichen Klamotten. Alles wird nass. Die Sachen kleben an der Haut. Der Wind ist das Schlimmste. Der Wind findet selbst die kleinsten Lücken. Es gibt Zeiten, in denen kein Platz existiert, zu dem sich flüchten kann. In ganz fiesen Nächten sind Bahnhöfe die wichtigsten Anlaufpunkte. Fast wie Rettungsorte. Menschen auf der Straße brauchen öffentliche Verkehrsmittel, um zu überleben. Für mich war es manchmal einzige warme Ort, den ich gefunden habe. Mit der Bahn bin ich hin und hergefahren.

Raus in die Kälte

Doch irgendwann fährt die letzte Bahn. Dann geht es draußen weiter. Quer durch die Stadt. Man ist nachts noch da draußen, rastlos am Laufen. Fast ohne Pausen. Dann wieder mit dem Nachtbus fahren und ein paar Stunden sitzen.

Ich habe Freunde wie Wolfgang, der bereits im Rentenalter ist. Wenn ich ihn anspreche, wie viel er die Woche unterwegs war, antwortet er mit unglaublichen Zahlen. „Ach du, die Woche bestimmt 150 Kilometer Strecke gemacht, ich wünsche mir ein Fahrrad“, sagt er dann. Menschen auf der Straße sind immer unterwegs. Immer auf ihren Beinen. Irgendwann muss man aber auch mal liegen.

 

Liegen. Damit fängt es schon an. Für die Meisten bedeutet „sich hinlegen“ eine Form von Entspannung, es bedeutet: bequem machen. Auf der Straße wirst du das nicht finden. Man sitzt auf kalten Metallteilen. Man liegt auf harten Betonplatten. Daran ist wirklich nichts angenehm. Schlaf findet man wenig auf der Straße. Man bleibt immer mit einem Auge wach. Schlafen ist etwas anderes auf der Straße. Deshalb ist man nie erholt,  ohne einen gesunden Schlaf. Das macht krank.

Was macht man also?

Alkohol kann Wärme schaffen und die Kälte lindern. Alkohol bringt Wärme in den Körper, macht sogar schlummrig. Die Gefahr ist, dass man dann eonschläft. Ob man wieder aufwacht, ist nicht so sicher. Man muss aufpassen, wo man schläft. Ein Obdachloser, der sich in einem Parkhaus unter die warme Lüftung legte, wurde von einem Autofahrer auf dem Weg zur Arbeit überrollt. Damit rechnet ja keiner. Menschen sterben beim Versuch, nicht zu erfrieren.

Die Plätze, die eine Zuflucht sein könnten, sind rar. Sie werden zerstört oder unzugänglich gemacht. Abgesperrt oder umgebaut. Dabei werden immer mehr Menschen obdachlos. Die Zahl hat sich in Hamburg seit 2009 verdoppelt. Es gibt Immer mehr Menschen, die Platte machen, sprich: einen Schlafplatz auf der Straße suchen. Doch es gibt immer weniger Plätze. Resultat: Gewalt. Menschen schlagen sich für einen warmen Ort zum übernachten.

Seit dem 1. November läuft das Winternotprogramm der Stadt Hamburg für Obdachlose. Die Behörde lässt vermelden, dass es noch viele freie Plätze gibt. In diesem Jahr sind es mit 760 Übernachtungsplätzen etwa 100 Plätze weniger als im letzten Jahr.

Schaut hin!

Wenn Menschen auf unseren Straßen erfrieren, dann bedeutet es, dass mit den Hilfsangeboten etwas nicht stimmt. Mit den bestehenden Angeboten werden viele Obdachlose nicht erreicht. Dies ist kein Argument gegen diese Menschen, sondern für andere und bessere Hilfsangebote.

Ich werde oft gefragt, was man tun kann, wenn man jemanden in der Kälte liegen sieht. Ich sage: Lieber einmal zu viel einen Krankenwagen rufen. Nach dem Zittern kommt die Teilnahmslosigkeit, mit sinkender Körpertemperatur trübt das Bewusstsein immer mehr ein. Ja, möglich, dass der Mensch, der da nicht ansprechbar auf der Bank liegt, Alkohol getrunken hat. Aber das heißt nur, dass er noch schneller erfriert.

Ich folge meinem Herzen. Ich möchte nicht, dass in meiner Stadt Obdachlose erfrieren. Ich schaue hin.

Dominik Bloh, Jahrgang 1988, lebte elf Jahre lang immer wieder auf den Straßen von Hamburg. Sein Buch über sein Leben heißt: „Unter Palmen aus Stahl“,  und wurde ein SPIEGEL-Bestseller. Es gibt es überall im Buchhandel und HIER im Onlineshop.

 

 

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