ANKERSCHMERZ, Strassengeschichte: Der Fall Robin

Es ist tragisch, was passiert ist. Ein Polizist hat einen jungen Obdachlosen erschossen. Er war erst 21 Jahre alt und dort, wo er herkam, kannten ihn viele Menschen. Schon lange lief er durch die Straßen der Kleinstadt, die zwischen Hamburg und Lübeck liegt. Es gibt wenige Obdachlose in Bad Oldesloe.

Wie es so weit kommen konnte, ist unklar. Die Beamten wurden gerufen, weil Fußgänger sahen, wie ein Mann mit einem Messer in der Hand durch die Gegend lief. Auf Grund der Beschreibung ahnten die Polizisten schon, auf wen sie treffen würden. Als sie ihn entdeckten, eskalierte die Situation.

In Zeitungsberichten ist zu lesen, dass der Mann Stichbewegungen in Richtung der Beamten machte. Darauf fielen zwei Schüsse. Die Kugeln trafen ihn in die Brust. Er verblutete direkt vor Ort. Fragen tauchen auf: Warum wurde eine Waffe eingesetzt? Wieso schießt man in den Oberkörper und nicht woanders hin, in die Beine? Der Beamte, der geschossen hat, steht unter Schock.

Ich könnte Robin sein

Mir gehen viele Sachen durch den Kopf. Ich komme nicht drum herum daran zu denken, dass ich das hätte sein können. Ich war selbst auch mit 21 Jahren auf der Straße. Manchmal stand ich so sehr mit dem Rücken zur Wand. Oft fand ich nur einen Ausweg: kriminell werden. Ich wollte vieles nicht tun, ich musste aber. Das dachte ich zumindest.

Ankerherz-Autor Dominik Bloh in Sankt Pauli, Hamburg. /// Foto: Axel Martens

 

Der junge Mann hatte eine dicke Strafakte. Er hat Autos geknackt und Diebstähle begangen. Das habe ich auch getan.Ich habe lieber ein Radio aus dem Auto geklaut und verkauft,als einen Menschen auszurauben. An manchen Tagen hatte ich solchen Hunger, dass ich im Supermarkt Lebensmittel geklaut habe.

Seit Jahren sehen die Menschen in Bad Oldesloe den Mann. Sie sagen, er gehörte irgendwie zum Stadtbild. Gesprochen hat keiner mit ihm, aber Mitleid, das hatten sie alle.

Für Robin ist es zu spät

Ich habe von Menschen gelernt, die Hartes durchmachten, dass es eine Sache gibt, die sie nicht wollen: Mitleid.

Mitleid alleine bringt wenig, wenn es nicht in Handlungen umgesetzt wird. So ging ein Mensch verloren. Er war psychisch krank. Dies war ebenfalls bekannt. Ich bin mir sicher: Psychische Erkrankungen bringen mehr Menschen auf die Straße, als man denkt. Es ist immer noch ein Tabu-Thema. Ist man nicht krank, macht es die Straße. Aus Lebensumständen können psychische Probleme resultieren.

Es hat sich einfach niemand richtig gekümmert. Oft wird der Versuch zu helfen beim ersten Nein“ abgebrochen. Dann heißt es: der lässt sich nicht helfen. Dann wird man alleine gelassen. Es zeigt mir, wie wir Menschen einfach so durchfallen lassen, ihnen einen Stempel aufdrücken und dann ihrem Schicksal überlassen.

Für Robin ist es zu spät. Ruhe in Frieden.

 

Unter Palmen aus Stahl, das Buch von Dominik.

Dominik Bloh, Jahrgang 1988, lebte elf Jahre lang immer wieder auf den Straßen von Hamburg. Sein Buch über sein Leben heißt: „Unter Palmen aus Stahl“,  und wurde ein SPIEGEL-Bestseller. Überall im Handel und HIER bestellen.

 

 

 

 

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