Ankerschmerz, Straßengeschichten: Vorlesen tut mir gut

Ich hatte meine ersten Lesung. Das Vorlesen tut mir gut. Ich bin dankbar für die Menschen, die mir zuhören.  Jeder hat eine Geschichte, und jede ist es wert, erzählt zu werden.

Ich habe früh gelernt, vor anderen Menschen zu sprechen. Bei den Zeugen Jehovas stand ich als kleiner Junge  auf der Bühne, und habe vor hunderten Leuten einen Vortrag gehalten. Ich habe aus der Bibel vorgelesen. Ich mochte das nicht, aber es hat mir geholfen. Mit Reden habe ich mich durch das Leben geschlagen. Ich bin auf zehn verschiedene Schulen gegangen, saß in zwölf verschiedenen Klassen. Fast jedes zweite Schuljahr war ich “der Neue” und musste mich vorstellen. Ich war mir selbst oft fremd. Oft habe ich gelogen.

Vorlesen tut mir gut

Meine erste Lesung war bei den Clubkindern. Im Klub Gruenspan findet ihre Tagebuchlesung statt. Im Gruenspan habe ich auch mein erstes Konzert  besucht. Ich stand in der ersten Reihe, Dendemann hat gefreestyled. Hier kam ich immer wieder zurück, zu den Menschen die mich durch meine härtesten Zeiten brachten. Sie spielten hier ihre Konzerte. Manchmal hatte ich keinen Cent, dann habe ich versucht, mich irgendwie reinzuschleichen. Es hat selten geklappt. Meistens stand ich während der Show draußen vor den Türen und habe den dumpfen Bass gespürt.

Unterstützung auf der Bühne: Dominik und Jannes Vahl von den Clubkindern.

Dort durfte ich nun lesen, aus meinen Ankerschmerz-Blogs. Dieses Mal musste ich nicht draußen bleiben, ich konnte einfach durch die Tür hineingehen. Vieles ist anders. Heute würde ich ehrlich sein, deshalb war ich aufgeregt. Ich hatte Zweifel, war nervös, aber auch voller Vorfreude. Ich habe mich gespürt, gelebt. Selbst beklemmende Gefühle sind schöner als die kalte Fassade, die ich vorher zeigte. Zum ersten Mal würde ich eigene Texte vorlesen.

Ich kam an der Bühne an, als habe ich bemerkte, dass ich meine Zettel vergessen hatte! Ich ging zwei Straßen weiter und dank Tabea konnte ich meine Geschichten ausdrucken. Ich saß noch eine Weile auf den Treppen in einem Hauseingang auf dem Kiez. Eine junge Frau lief an mir vorbei. Ich fragte sie, ob sie kurz Zeit habe, sich etwas anzuhören. Ich las ihr meine Texte vor. Ich fasste Mut. Sie fand gut, was sie hörte

Tagebuchlesung im Grünspan

Da es eine Tagebuchlesung war, habe ich  mir einen Text ausgesucht der einen Tag beschreibt, den ich nie vergessen werde. Der 05. Februar 2005, als ich mit 16 Jahren auf der Straße landete.

 

Durch das Licht konnte ich das Publikum nicht erkennen. Obwohl ich vor Aufregung gezittert habe, war meine Stimme klar. Das Lesen hat mich beruhigt. Ich tauchte in das Licht ein und reiste in meine Vergangenheit. Ich habe die Wörter abgelesen, doch in meinem Kopf zog ich zwei Koffer durch die hohe Schneedecke, auf dem Weg ins nirgendwo.

Es war leise im Saal, als würde ich für mich selbst lesen. Es war schön zu merken, dass die Menschen aufmerksam zugehört haben. An einem Abend, in dem es oft um Geschichten aus der wilden Teenager-Zeit ging, fiel meine etwas aus dem Rahmen. Es war ein besonderer Moment für mich an einem besonderen Ort. Danke an die Menschen die das möglich gemacht haben.

Damit ist schon wieder ein Traum wahrgeworden.

 

DOMINIK BLOH, JAHRGANG 1988. SEIT ELF JAHREN LEBTE ER IMMER WIEDER AUF DEN STRASSEN VON HAMBURG. IM ANKERHERZ BLOG „ANKERSCHMERZ“ ERZÄHLT ER AUS SEINEM LEBEN. IN LÜRZE ERSCHEINT SEIN BUCH “UNTER PALMEN AUS STAHL”– DIE GESCHICHTE EINES STRASSENJUNGEN.  HIER KANN ES VORBESTELLT WERDEN.

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