ANKERSCHMERZ, Straßengeschichten: Basketball rettete mich

Frühlingsstart, also raus in den Park. Mein altes Zuhause. Es gibt Sachen, die werden sich nicht ändern. Dazu gehört meine Liebe zum Sport. Früher war es Fußball. Als Kind hatte ich den Traum so vieler Jungen und wollte Profi werden. Ich habe bei VFL93 gespielt und war wirklich nicht schlecht. Aus der Karriere ist nichts geworden. Das hing mit der Religiosität meiner Mutter zusammen, einer Zeugin Jehovas. Ich musste wegen ihr das Fußballspielen aufgeben.

Zum Basketball kam ich durch Hamed, der später Trainer der Hamburg Towers wurde. Basketball wurde ein wichtiger Teil meines Lebens, es wurde ein Halt und mein Ausgleich von allem. Auch auf der Straße.

Das Gefühl auf dem Court: so frei. Alle Last scheint von meinen Schultern zu fallen und ich genieße die Zeit.

Basketball rettete mich

Ich war auf so vielen Plätzen in der Stadt unterwegs. Im Lohhlenpark in Sankt Georg ist bis heute das bekannteste Feld. Es ist Treffpunkt der besten Spieler. An den Ringenhängen oft nicht einmal Netze, doch sogar NBA-Spieler schauten dort vorbei, wie Dennis Schröder von den Atlanta Hawks.

Titelseite der Hamburger Morgenpost

 

Es sind die ersten warmen Sonnentage in diesem Jahr, und ich bin direkt wieder im „Park Fiction“ am Fischmarkt. Seitzwei Jahren stellen wir die Körbe auf und treffen uns am Hafen, um zu zocken. Für mich ist es der schönste Ort der Stadt. Blick rüber auf die Kräne und auf Blohm & Voss. Wenn die anderen früher nach Hause gingen, legte ich mich zum Schlafen auf eine Wiese oder auf eine Holzbank. Ich weiß nicht, ob den anderen klar war, dass ich auf der Straße lebte. Es war auch egal. Am nächsten Tag standen wir wieder auf dem Platz.

Ich habe viel Scheiße gebaut

Basketball gab mir immer meine Form von Normalität. Ich brauche nur die Schuhe schnüren. Auf dem Platz und unter den Körben waren alle gleich. Egal, wer man ist oder wo man herkommt. Hauptsache, man kann zocken.

Basketball hielt mich davon ab, die ganz große Scheiße zu bauen. Ich war nicht mehr so häufig in einem Umfeld unterwegs, in dem Gewalt und Drogen zum Alltag gehörten. Ich rannte über den Platz, während viele Jungs die ich kannte, richtig auf die schiefe Bahn geraten sind. Ich bin sicher: Basketball hat mich vor dem Knast bewahrt.

Der orangene Spalding Ball  begleitet mich schon so lange und durch jede Lebenssituation. Durch den Basketball lernte ich meine besten Freunde kennen. Basketball war immer da. Egal, ob es bei mir gut lief oder ich am Boden war. Den größten Unterschied zu früher: Ich muss anfangen, mich richtig zu dehnen. Ich habe inzwischen so ein Muskelkater nach dem Training. Ansonsten freue ich mich auf die neue Saison.

Dominik Bloh, Jahrgang 1988, lebte elf Jahre lang immer wieder auf den Straßen von Hamburg. Gerade erschien sein Buch darüber: „Unter Palmen aus Stahl“, überall im Handel und hier im Online Shop.

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