ANKERSCHMERZ, Straßengeschichten – Hilfe für einen Fremden

Ein fremder Mann liegt auf dem Boden. Ich kann sein Gesicht nicht sehen. Er liegt auf einem meiner Lieblingswege, auf einer Allee in Hamburg-Altona.

Er kriecht auf allen Vieren durch den aufgeweichten Blättermatsch. Es regnet in Strömen. Die anderen Passanten eilen vorbei. Manche Menschen blenden komplett aus, was sie sehen. Andere fragen, ob er Hilfe benötigt. Beim ersten “Nein“ brechen sie ihre Bemühungen ab. Vielleicht sind sie sogar froh über diese Antwort.

Helfen erfordert Geduld.

Ich bücke mich zum Mann hinunter, um ihn anschauen zu können. Ich glaube, das Erste, was man tun sollte, ist jemandem auf Augenhöhe zu begegnen. Stimmen, die von oben aus der trüb verregneten Sicht ins Gehör gelangen, nimmt man weniger wahr.

Dominik-Porträt

Hilfe für einen Fremden

Ich biete ihm Hilfe an. Ich sage ihm, dass ich nicht möchte, dass er auf dem Boden krabbelt.

Er antwortet, dass er nicht mehr gut laufen kann, und als Nächstes sehe ich seinen Laufstock.

„Nein, nein, nein“, er lehnt meine Hilfe zunächst ab. Dann willigt er ein, dass ich ihn ein kleines Stück begleiten darf. Ich helfe ihm auf. Er ist nass und müffelig. Helfen kostet manchmal Überwindung, in jeglicher Hinsicht. Ich halte ihn fest, und er wiederholt immer wieder, dass ich ihn nicht loslassen soll. Ich frage ihn nach seinem Namen. Dann sage ich:

„Keine Sorge Bernd, ich hab’ dich.“

Nach ein paar Minuten sind wir ein paar Meter weiter auf einer Bank angekommen. Zigarettenpause. Schon ist er nicht mehr der fremde Mann, sondern Bernd, mit stechend blauen Augen und jugendlichem Humor. Wir quatschen.

„Lebst du auf der Straße?“, frage ich, erkundige mich nach seiner Platte, einer Unterkunft.

Bernd kramt einen Schlüssel der Christiansenkirche raus, dort könne er in einem Häuschen bleiben.

„Das ist noch weit“, sagt er.

Ich suche einen Rollstuhl

Zum Glück sind wir in Altona, nicht weit weg von unserem Vereinsstandort „Hanseatic Help“ an der Großen Elbstraße. Ich beteilige mich seit vielen Monaten bei dieser Organisation, ich habe sie mitgegründet. Dort lagern wir Spenden, die wir für Bedürftige sammeln.

„Warte hier“, sage ich zu Bernd.

Dominik Bloh_Hafen

Als in der Lagerhalle ankommen, mache ich mich auf die Suche nach einem Rollstuhl und werde fündig. Ich trage den Rollstuhl die Treppen bis zum Elbberg hinauf, der Regen prasselt auf mich herab. Als ich mit dem Teil um die Ecke komme, lacht Bernd schon laut und fragt:

„Hat das auch einen V8 Motor?“

„Selbstverständlich, und wenn du dich jetzt ‘reinsetzt, und deine Füße auf das schwarze Gaspedal stellst, fährt der Wagen dich bis zu deiner Tür.“ Bernd fragt, ob ich ihn vielleicht noch einmal durch den Park fahren kann.

Der Schlüssel funktioniert nicht

Leider ist der Rolli nicht ganz fahrtüchtig. Die Reifen sind platt, und ich drücke Bernd mehr durch die Gegend, als dass ich ihn rolle. „Helfen kostet Kraft“, denke ich mir, während mir trotz der Kälte der Schweiß von der Stirn tropft. Als wir in Richtung Kirche kommen, erhalte ich noch die Info, das der restliche Weg etwas schlammig wird.

„Kein Problem“, sage ich, „wir haben auch Allradantrieb.“

Dominik_Bloh Porträt2

Es sind zwei Stunden vergangen, als wir vor dem Kirchenhaus stehen, und den Schlüssel im Schloss umdrehen. Doch nichts passiert. Man kann abschließen, aber die Tür lässt sich nicht öffnen. Wir versuchen die Pastorin zu erreichen, doch erfolglos.

„Meine Schlafsachen sind da drin“, sagt Bernd.

Also geht es für mich noch mal zurück an die Elbe, in unsere Halle. Dort besorge ich ein Feldbett, eine Wolldecke und einen Schlafsack. Ich schmiere uns Brote und koche Tee.

Vollgepackt kehre ich zur Kirche zurück. Drei Stunden sind vergangen, als ich Bernds Bett im Kircheneingang aufbaue und wir eine letzte Kippe rauchen. Bernd und ich, wir reden über Gott und die Welt.

 

(Redaktion: Stefan Kruecken // Ankerherz)

DOMINIK BLOH, JAHRGANG 1988. SEIT ELF JAHREN LEBT ER IMMER WIEDER AUF DEN STRASSEN VON HAMBURG. IM ANKERHERZ BLOG „ANKERSCHMERZ“ ERZÄHLT ER AUS SEINEM LEBEN. UNTERSTÜTZT WIRD DOMINIK VON DER STIFTUNG “DEKEYSER & FRIENDS”, DIE WELTWEIT EIGENE UND BEREITS BESTEHENDE PROJEKTE FINANZIELL, MIT IDEEN UND TATKRAFT UNTERSTÜTZT UND INITIIERT.

0 comments