ANKERSCHMERZ, Straßengeschichten: R. Kelly fliegt nicht mehr

Jeden Samstag schreibt Ankerherz-Autor Dominik Bloh einen Blog von den Straßen von Hamburg. Die Kolumne erscheint in der Hamburger Morgenpost und im Blog von Ankerherz. Diesmal: Die Trennung von einem Idol der eigenen Jugend. R. Kelly fliegt nicht mehr.

Der R&B-Musiker R. Kelly soll für Konzerte nach Deutschland kommen, und darüber gibt es große Aufregung. Gegen ihn stehen seit Jahren schwerste Vorwürfe wegen Kindesmissbrauchs im Raum. Ein Konzert in Sindelfingen wurde nun abgesagt. Der Auftritt in Hamburg, geplant für den April, steht wohl auf der Kippe.

Ich bin mit der Musik von R. Kelly groß geworden. Das erste Album, das ich mir von meinem eigenen Geld gekauft habe, war TP2.com. Das war an der blauen Tankstelle in Eppendorf. Ich weiß noch genau, wie die CD im Regal stand. Er trägt auf dem Cover einen weißen Pelzmantel und einen Hut. Damals habe ich seine Musik trotzdem geliebt.

Als Junge hatte ich immer den Traum, eines Tages Basketball-Profi zu werden. Dann kam „Space Jam“, ein Film mit Michael Jordan. Alle schlafen in der Nacht, nur der kleine Junge ist noch wach und wirft immer weiter auf den Korb. Da kommt jemand zu ihm. Sie sprechen kurz. Der Junge hebt den Ball auf. Die ersten sanften Klänge im Hintergrund. Es wird lauter, als der Junge Anlauf nimmt. Bei seinem Absprung singt R. Kelly: „I believe I can fly.“

Das erste Konzert bei R. Kelly

Ich war damals  13 Jahre alt. Ich saß in meinem Zimmer in Winterhude. Meine Freunde hatten Spielkonsolen, Fernseher und Computer. Ich hatte einen CD-Player mit Radio und einen Kassettenrekorder. Musik und Schreibsachen waren alles was ich hatte. Auf Energie 97.1 lief „I wish“. Dieses Lied hat mich berührt. Ich saß jeden Abend vor dem Radio und habe gewartet, bis sie den Song spielen. Ich habe meinen Kassettenrekorder neben den Lautsprecher gestellt und aufgenommen. Einmal anhören, noch mal. Wieder zurückspulen, bis das Band sich verdreht.

 

 

Im nächsten Jahr kam er dann nach Hamburg. Mit Cem, einem Freund aus meiner Klasse ging, ich auf das Konzert in der Sporthalle. Wir hatten Plätze weit hinten im Oberrang. Man konnte nicht gut sehen, aber den Abend werde ich nie vergessen. Die nächsten Jahre begleitet seine Musik mich weiter. Sie gab mir Hoffnung, Mut und Kraft.

Viele Erinnerungen, eine klare Meinung

Heute spreche ich fließend Englisch und verstehe alles, was er in seinen Liedern so sagt. Es geht eigentlich nur um Sex. Es soll ein Video geben, in dem er mit einer 14-jährigen zu sehen ist. Immer wieder kommt es zu Anzeigen. Vor kurzem erschien eine Dokumentation, in der Betroffene berichten. Bisher ist er immer davongekommen. In Amerika distanziert sich die Branche von R.Kelly. Seine Plattenfirma hat die Zusammenarbeit beendet. Eine Tour kann er dort nicht spielen.

Ich habe viele Erinnerungen an seine Musik, doch meine Meinung ist klar. Bitte kein R. Kelly Konzert in Hamburg.

Unter Palmen aus Stahl, das Buch von Dominik.

Dominik Bloh, Jahrgang 1988, lebte elf Jahre lang immer wieder auf den Straßen von Hamburg. Sein Buch über sein Leben heißt: „Unter Palmen aus Stahl“,  und wurde ein SPIEGEL-Bestseller. Überall im Handel und im Online Shop von Ankerherz.

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