ANKERSCHMERZ, Straßengeschichten. Weihnachtszeit

Im Sommer, wenn die Nächte warm sind, gibt es in Hamburg wunderschöne Orte. Dort kann man stundenlang in die Sterne blicken, bis die Sonne über dem Hafen aufsteigt. So sieht es zumindest aus. Im Winter ist es anders . Man kämpft gegen die Kälte, den Regen und Schnee. Die Gedanken beschränken sich auf das Wesentliche: Überleben.

Während ich im Dunkeln auf dem Gehweg stand und durch die kahlen Äste in die schön geschmückten Fenster schaute, kam öfter das Gefühl der Einsamkeit auf. Ich glaube, gerade in dieser Zeit des Jahres fühlen sich viele Obdachlose alleine. Darum versuche ich heute, mir immer mal ein paar Minuten für nette Worte zu nehmen.

Es kann das schönste Erlebnis des Tages für jemanden sein. Das spendet Hoffnung.

Dominik-Porträt

Weihnachtszeit? Begleiterscheinung.

Die Straßen sind mit strahlenden Lichterketten geschmückt. Wenn ich von diesem Gefühl schreibe, das ich vermisste, wenn ich durch die Fenster blickte, dann sind diese Lichter ein kleiner Ersatz.

Die Weihnachtsmärkte leuchten und verbreiten ihren Duft. Buden mit heißem Schafskäse und der Schwenkgrill. Ein Karussell und natürlich die großartige Auswahl an Filz. Ich finde, der Weihnachtsmarkt gleicht der restlichen Kirmes des Jahres, nur extra hübsch verpackt mit Schleife drumherum. Am besten noch Puderzucker drüber. Viele wünschen sich weiße Weihnachten.

Die Menschen auf der Straße draußen gehören eher nicht dazu. Doch der Schnee macht die Illusion perfekt.

Mir fallen zu Weihnachten besonders zwei Arten von Menschen auf.

Die einen, die mehr Mitgefühl für ihre Mitmenschen entwickeln und bereit sind zu geben.

Die anderen, die in ihrer besinnlichen Stimmung nicht bedrückt werden wollen und die Augen verschließen.

Dominik Bloh_Hafen

Wachdienst am Weihnachtsmarkt

Überhaupt: Das richtige Bild abzugeben ist noch wichtiger als sonst. Wenn die letzte Gruppe, trunken vom Glühwein vom Weihnachtsmarkt torkelt, sieht man erst, was sonst in den Menschenmassen untergeht. Mitarbeiter von Sicherheitsdiensten, die mit Schäferhunden patrouillieren. Hier darf Glühwein getrunken werden bis zum Umfallen, aber niemand darf sich danach auf eine Bank setzen.

Für den Einzelhandel ist das Weihnachtsgeschäft ebenfalls unentbehrlich. Dort, wo oft Obdachlose in der Mönkebergstraße in den Eingängen liegen, ist niemand anzutreffen. Die Geschäfte rufen tagsüber sofort die Polizei, sobald jemand sich vor dem Laden auffällig verhält oder verweilt.

Nachts kontrollieren auch hier private Sicherheitsdienste.

Das schöne Bild versucht man aufrecht zu erhalten, und so vertreibt man Menschen, die nicht wissen,wohin. Aus den Augen, aus dem Sinn.

 

(Redaktion: Stefan Kruecken // Ankerherz)

DOMINIK BLOH, JAHRGANG 1988. SEIT ELF JAHREN LEBT ER IMMER WIEDER AUF DEN STRASSEN VON HAMBURG. IM ANKERHERZ BLOG „ANKERSCHMERZ“ ERZÄHLT ER AUS SEINEM LEBEN. UNTERSTÜTZT WIRD DOMINIK VON DER STIFTUNG “DEKEYSER & FRIENDS”, DIE WELTWEIT EIGENE UND BEREITS BESTEHENDE PROJEKTE FINANZIELL, MIT IDEEN UND TATKRAFT UNTERSTÜTZT UND INITIIERT.

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