ANKERSCHMERZ: Wenn Armen die Zelte abgebrochen werden

Manchmal fühle ich mich ein bisschen wie Robin Hood. Ich bin im Sommer auf den Festivals unterwegs, um Massen, die verschwenden, ihre Zelte und Schlafsäcke zu nehmen, bevor sie verbrannt werden. (Hier geht es zum Blog über das Projekt.) Denn für andere Menschen sind diese Sachen ein Zuhause. Ich nehme und gebe, dann kommt der Sheriff der Stadt – und reißt die Zelte wieder ab. Der Pöbel gehört doch nicht in die schönen Gärten und angelegten Parks! Der Pöbel gehört in die Gosse!

Seit Jahren sehe ich die Zelte an der Kennedybrücke, an der Hamburger Alster, mitten in der Stadt. Auf der einen Seite reicht der Blick auf die Binnenalster, über die prachtvollen Bauten bis zu den Kirchenspitzen. Hamburg: eine wunderschöne Stadt. Auf der anderen Seite, am Fuß der Überführung und von den Blicken versteckt, steht eine Reihe von Zelten. Hier unter der Brücke leben die Vergessenen. Es sind zwei Welten, die nur einen Steinwurf entfernt auseinander liegen.

Zelte für Obdachlose – eine Art Zuhause

Ich habe letzte Woche einen Artikel über die Bewohner der Zelte gelesen. Mir war nicht wohl dabei, denn manchmal ist es die falsche Aufmerksamkeit, die auf einen zukommt. Die Zelte waren wieder ein Gespräch der Stadt. Auf einmal schienen sie mehr Menschen zu stören. Es gab mehr Beschwerden. Dabei ist die Kennedybrücke für ihre Ordnung bekannt. Es wird im Oktober auch schon richtig kalt draußen, vor allem in der Nacht. Die Winternotprogramme für Obdachlose öffnen aber erst ab dem 01.November.

Das ist zu spät!

Es hat so sehr gestürmt in den letzten Wochen, dass der Verkehr lahmgelegt war, sich Menschen verletzten und es sogar Tote gab. Die Obdachlosen sind draußen, während Bäume fallen und Sachen von den Dächern fliegen. Sie sind  jeder Gewalt ständig ausgesetzt. Wer schützt sie? Andere erhalten auf ihre App eine Unwetterwarnung; im Radio wird davor gewarnt, vor die Tür zu gehen und geraten, die Fenster zu schließen.

Zelte waren mir unheimlich in der Nacht

Zelten in der Stadt ist kein Camping. Ich war früher oft alleine unterwegs. In Zelten habe ich es nicht lange ausgehalten. Die Geräusche waren Nachts überall. Mir war das unheimlich, nicht sofort zu sehen, was um mich herum passiert. Meine restlichen Sinne waren eingeschlossen in diesem kleinen Höhle.

Zur Situation an der Kennedybrücke. Ich frage mich: Warum gönnt man Menschen nicht einmal ein Zelt, um Schutz zu suchen? Warum vertreibt man ohne eine Alternative? Damit löst sich kein Problem. Es verschiebt sich nur.

 

DOMINIK BLOH, JAHRGANG 1988. SEIT ELF JAHREN LEBTE ER IMMER WIEDER AUF DEN STRASSEN VON HAMBURG. IM ANKERHERZ BLOG „ANKERSCHMERZ“ ERZÄHLT ER AUS SEINEM LEBEN. SCHON BALD ERSCHEINT SEIN BUCH “UNTER PALMEN AUS STAHL”– DIE GESCHICHTE EINES STRASSENJUNGEN.  HIER KANN ES VORBESTELLT WERDEN.

 

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