ANKERSCHMERZ, Geschichten von der Straße. Zweifel

ZWEIFEL

Graue Jogginghose schon seit Tagen. Nicht mal Socken in den Schuhen tragen. Barfuß durch die Gegend latschen. Ich stehe bei Penny in der Schlange. Die hellen Lichter verunsichern mich. Für 65 Cent besorge ich die günstigste Zahnbürste und die billigste Zahnpasta. Mein Zahn löst sich auf und fällt stückweise raus, während ich mit meiner Zunge die Löcher abtaste, als würden sie sich dadurch füllen. Ich bin ungeduscht.

Meine Haut ist trocken und beginnt zu jucken, manche Stellen kratze ich blutig. Das geht einfach, mit viel zu langen Fingernägeln unter denen dicker schwarzer Dreck lagert. Meine Locken verstecke ich unter einer dreckigen Chicago Bulls Cap. Die Straße hinterlässt Spuren. Ich fühle mich nicht wohl, und schäme mich für mein Aussehen.

Die Kapuze auf dem Kopf bringt Schutz. Zweifel sind selbstzerstörerisch und mein Selbstwertgefühl geht kaputt. Ich traue mir nichts zu. Wie im Spiegelkabinett, steh’ ich mir selber im Weg. Ich spüre die Blicke, bis sie mich gar nicht mehr wahrnehmen.

Ich vereinsame inmitten all dieser Menschen, dabei wünsche ich mir doch nur dazuzugehören. Da draußen erfriert man schnell wenn man den Glauben verliert.

Ich stehe jetzt an der Kasse. Die Münzen sind schon vorgezählt. Ich bezahle und verschwinde in die Dunkelheit. Jetzt muss ich ein Ort finden wo ich mich waschen kann.

 

Dominik Bloh, Jahrgang 1988. Seit elf Jahren lebt er immer wieder auf den Straßen von Hamburg. Im Ankerherz Blog „ANKERSCHMERZ“ erzählt er aus seinem Leben.

2 comments

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My Homepage on Mai 17 2018
[…] dem Titel „ANKERSCHMERZ” bloggt Dominik Bloh darüber, wie es ist, auf der Straße zu leben. Er ist mit 16 zu Hause […]
Spenden auf Festivals: Dein Zelt kann ein Zuhause sein – NORDKIND on Jul 25 2017
Ich habe mich schon öfters mit Obdachlosen unterhalten, weil ich mir nicht vorstellen konnte, wie jemand obdachlos werden kann. Jetzt sehe ich diese Menschen anders, denn sie rutschen oft ohne eigene Schuld, in diese andere Welt ab. Durch Scheidung, Arbeitslosigkeit, Krankheit, oder Schulden, geht es häufig bergab! Ich kann Deine Worte gut nachempfinden, wenn ich mich schäme, so auszusehen, so zu riechen, mich in meiner eigenen Haut nicht mehr wohlfühle, dass Gefühl kenne ich, wenn ich Depressionen habe. Ich weiss, ich müsste duschen, mich waschen, aber ich kann es einfach nicht tun, und kann nicht erklären warum!? Seit ich etwas in die Welt der OBDACHLOSEN hineinschnuppern durfte, durch Gespräche und Diskussionen, versuche ich Euch besser zu verstehen, und wenn ich dann manche Leute über diese " faulen, nichtsnutzigen, stinkenden, verwahrlosten, PENNER, schimpfen höre, stehe ich auf Eurer Seite, und entgegne: Sei vorsichtig, es kann ganz schnell gehen, und Du wirst beschimpft, und schlecht behandelt, nur weil DU anders bist als die Anderen! Ich behandele jeden Menschen so, wie ich selbst behandelt werden möchte! Es kommt immer auf den Ton an, und wenn ich jedem mit Respekt begegne, keine Vorurteile habe, nur weil mir das Aussehen oder der Geruch nicht passt, ich die Geschichte, die hinter diesem Schicksals nicht kenne, würde ich mir nie erlauben, über diese Person ein Urteil zu fällen. Ich wünsche mir aus tiefsten Herzen, dass wir nicht erst nach dem Aussehen, die MENSCHEN behandeln, sondern dass wir öfters mal, einfach auf Menschen zugehen würden, so unbedarft wie die Kinder, ohne Nachdenken, ohne Vorurteile, einfach helfen, wo Hilfe gebraucht wird. Dadurch könnten wir unsere Welt ein bißchen besser machen!
Steffi Wessa on Mrz 25 2016
Wunderschön geschrieben. Im Herzen bin ich bei dir! :(
lahilala90 on Feb 19 2016

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