BILDERKRIEGER: Das Buch der Kriegsfotografen

Nur noch selten fallen tagsüber Schüsse, meint Mike Kamber, als wir uns setzen. Nachts, okay, das sei noch schwieriger, aber vieles habe sich schon gebessert in diesem Teil der Bronx. Sein Büro ist gleichzeitig die Ausstellungsfläche des „Bronx Documentary Centre“ ist: Ein weißgestrichener, hoher Raum mit großen Fenstern im Erdgeschoss eines roten Backsteingebäudes, 614 Courtlandt Avenue, New York 10451, nur ein paar Subway-Stationen von Manhattan und doch ganz weit weg vom Glitzer und Reichtum der Metropole. Mike hat diese Galerie gegründet, um Jugendlichen zu helfen, um ihnen einen Ausweg zu zeigen mit Hilfe der Fotografie.

 

Bronx Documentary Center.

25 Jahre lang hat er meist im Auftrag der „New York Times“ die Kriege dieser Welt dokumentiert, war unter anderem im Kongo, Haiti, in Afghanistan, im Irak, überall dort, wo getötet wurde. Er hat sein Leben dafür riskiert, damit Leid und Tod nicht vergessen werden. Nun lebt er in der Bronx, man könnte sagen: wieder zwischen jenen, die in Gefahr sind, vergessen zu werden. Mike Kamber ist Ende 40, ein Mann mit kräftigem Händedruck, einem leicht ergrauten Kinnbart und durchdringendem Blick.

In den Kriegen, in der Zeit des Wartens, hatte er damit begonnen, andere Kriegsfotografen für ein Buch zu interviewen. Mit Marco Di Lauro traf er sich in einer Bar in Kabul, an einem der wenigen Orte, wo Westler ein wenig Alkohol trinken können. Patrick Chauvel, der seit Jahrzehnten Kriege in aller Welt fotografiert, lud ihn zu sich nach Paris ein und bekochte ihn auf französische Art. Als Kamber mit Andrea Bruce in Bagdad stundenlang zusammenhockte, explodierten draußen die Granaten. Beide waren so in ihr Gespräch vertieft, dass sie es kaum bemerkten.

„Es war wie eine kleine Pause von all der Gewalt da draußen“, erinnert sich Kamber.

Mike Kamber (Fotograf New York Times) und Stefan Kruecken in New York

Dieses Buch ist wie eine Verpflichtung

Ich bin nach New York gereist, um Mike nach der Vermittlung durch Spiegel-Reporter Takis Würger kennenzulernen, und mit ihm darüber zu sprechen, ob wir sein amerikanisches Original „Photojournalists on war“, das sich auf den Irak-Krieg konzentriert, ausweiten dürfen. Mike willigt ein. Er freut sich, dass wir uns für sein Projekt interessieren. Fred Grimm, ein erfahrener Journalist (u.a. „Stern,“, „max“) aus Hamburg, wird nach New York reisen und mit ihm wochenlang jedes Dokument editieren. Aus 40 Texten der US-amerikanischen Ausgabe wählen sie die Hälfte für „Bilderkrieger“ aus.

 

Als meine Frau Julia und ich Mikes Manuskript zum ersten Mal lasen, seine raue Intensität, die Geschichten von Mut und Verzweiflung und Angst und auch dem Gefühl, im Irrwitz der heutigen Medienwelt nicht mehr durchzudringen, war klar: Wir müssen dieses Buch verlegen. Es fühlt sich beinahe wie eine Verpflichtung an. Wer es kaufen wird? Die Frage verdrängten wir. Diese Frauen und Männer haben alles riskiert, uns die Augen zu öffnen. Joao Silva, Mikes bester Freund, verlor seine Beine, als er in Afghanistan auf eine Anti-Personen-Mine trat. Chris Hondros wurde in Libyen erschossen, bevor das Buch erschien.

Mike breitet Fotos auf einem Tisch aus. Es sind intensive Bilder, jedes einzelne, alle erzählen eine Geschichte. Manche wird man nicht mehr los. Man fragt sich, wie viel davon eine Seele sehen kann, bevor sie Schaden nimmt.

„Ich kann es nicht mehr“, erzählt er, „es war zu viel.“

“Einer muss es doch tun.”

Die Tür geht auf, eine ältere Dame aus der Nachbarschaft kommt hinein. Sie erzählt von zwei vernachlässigten Jugendlichen aus ihrem Block, die Mutter Alkoholikerin, der Vater ein Drogenwrack. Mike bittet sie, die Kinder vorbeizuschicken. „Wenn wir uns nicht um den Jungen kümmern, wird er in einer Gang landen“, meint er. Wenig später steht ein Mann unter einer verschlissenen Baseballkappe im „Bronx Documentary Centre“, mit einem ähnlichen Fall. Immer wieder: Drogen, Armut, Gewalt. Mike leitet hier nicht nur eine Galerie, sondern er ist auch so etwas wie ein Sozialarbeiter, ein Kummerkasten, ein Schutzpatron.

Warum tut er das?, frage ich ihn. Warum, nach allem, was er erlebt hat? Warum wohnt er nicht in einem Häuschen in Maine oder einer Strandhütte auf Long Island? Warum macht er weiter, von einem Krieg zum Anderen?

„Weil es doch einer tun muss“, entgegnet er. „Es ist in mir drin.“

Sieben Monate später erscheint „Bilderkrieger“. Nach einem Beitrag über den Deutschen Kriegsfotografen Christoph Bangert auf „Spiegel online“ setzt ein regelrechter Sturm auf das Buch ein. Auf Amazon rangierte das Buch auf Platz 1 in der Kategorie „Aufsteiger des Tages.“ Campino, ein alter Freund, schreibt eine SMS: „Ein aufrüttelndes und wichtiges Buch!“

Nie fühlte sich ein Erfolg richtiger an.

 

Stefan Kruecken, Jahrgang 1975, leitet mit seiner Frau Julia den von ihnen gegründeten Ankerherz Verlag.

BILDERKRIEGER gibt es in jeder gut sortierten Buchhandlung und hier bei uns im Shop.

2 comments

[…] eine Stimme zu geben. In unserem Buch BILDERKRIEGER berichten Kriegsfotografen, was sie antreibt. Mike Kamber (New York Times) hat ihre Geschichten und Stimmen in Kriegsgebieten zusammengetragen, editiert für […]
Hondros - Dokumentarfilm ehrt einen Kriegsfotografen on Feb 27 2018
Danke Dir, Doris.
ankerherz on Jul 12 2013
Ihr fragt:'Wer kauft dieses Buch?' Ich. Als Geschenk für meinen mittleren Sohn zu seinem 22.Geburtstag. Noch immer geistert in seinem Kopf eine gewisse Faszination für den Beruf 'Soldat' herum, obwohl er das niemals sein dürfte, weil er ein viel zu liebevoller, junger Mann ist. Es würde ihn vernichten. Deshalb müssen solche Fotos gezeigt werden, deshalb darf es keinen Krieg mehr geben - nie und nimmer wird ein Krieg einen Konflikt lösen - begreift das doch endlich, ihr Menschen. Danke - für euren Mut, so ein Buch zu verlegen.
Doris Wegmann on Jul 12 2013

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