SCHLANGE: Atemlos durch die Berliner Nacht.

Ich musste die Stadt verlassen – nach nicht mal einer Woche. Berlin hat mich geschluckt und wieder ausgespuckt. Ich war für die Hauptstadt nicht mehr als ein Katastrophen-Tourist, der in ihrem Vergnügungs-Sumpf unterging. Bei meiner Rückkehr ins Ruhrgebiet konnte ich meinen linken Ellenbogen kaum noch bewegen, mein Knöchel am Fuß war blutverkrustet und mein Portemonnaie so leer wie die Kiste mit Erinnerungen an die vergangenen Feiernächte. Der Berliner mag müde lächeln. Er mag Recht haben.

Doch manchmal muss man in die Scherben greifen, um zu verstehen, dass man aus Glasflaschen trinkt.

Ich hatte mit einem Freund im Berliner Klub Katerholzig gelesen. Auf der anderen Flussseite haben die Jungs und Mädels einen halbverfallenen Gebäudekomplex in ein alternatives Vergnügungscenter verwandelt, das zwischen dem Charme des New Yorker Undergrounds und den Jahrmärkten des 19. Jahrhunderts pendelt. Etliche Etagen mit Theater, Dancefloors, Restaurant, Flohmarkt, Bars. Draußen Holzhütten, riesige Installationen, brennende Tonnen und kunterbunte Kletterburgen. Ein surrealer Spielplatz für bärtige Kinder mit Jutebeutel und Hornbrille.

Mein Freund und Gastvater in Neukölln erzählte mir die Geschichte wie folgt: Er hatte um drei Uhr nachts in einem Anflug von Überlebensinstinkt den Klub verlassen und ein Taxi vom Katerholzig zum Kiehlufer genommen. Seine Versuche mich mitzunehmen scheiterten. Ich hatte mich nach unserer Lesung als Held gefühlt und mit brennenden Flügeln in die Nacht gestürzt. Als er am nächsten Tag um halb eins bei mir durchklingelte, hörte er fröhlich stampfende Techno-Musik, mein Schnaufen und danach die knisternde Stille einer toten Leitung. Seine nächsten Anrufe blieben unbeantwortet.

Hedonismus ahoi!

Wir leben in einer Welt der allgegenwärtigen Zerstreuung. Alles zieht und zerrt an uns. Das Fernsehen, die Werbung, unsere Handys, das Internet. Der Mensch ist immer und überall – nur nicht bei sich selbst. Was bietet bessere Zerstreuung als eine Stadt, die niemals schläft? Hedonismus ahoi auf der Exzess-Enklave. Im Katerholzig wurde eine Welt geschaffen, in der die Zeit an Bedeutung verliert, in der der Lauf der Sonne keine Rolle spielt und die Party nicht zwölf, nicht 24 Stunden sondern tagelang tanzt. Die Stille im Kopf wird von der wummernden Leere irgendwelcher Techno-Bässe abgelöst, und VJs mit ihren Lichtinstallationen und Stroboskop-Spektakeln sind die neuen Interpreten von Platos Höhlengleichnis. Gefangen in der vermeintlichen Freiheit. Der Exzess als Beruhigungsmittel.

Um halb drei am Nachmittag bekam mein Freund eine SMS. Ich schrieb: „sorry.tot.“ Ich erinnere mich, wie ich den Laden verließ, wie mir die Realität taghell ins Gesicht schlug, und ich dem Taxifahrer einen Zettel mit der Adresse am Kiehlufer in die Hand drückte, bevor mein Kopf matt aufs Armaturenbrett klatschte.

Was für einen Inhalt hat so ein Abend? Außer die verdrogte Schönheit und der Technoschweiß einer leer getanzten Seele. Für manche ist sie danach sauber und für manche nur kaputt. Manch einer könnte zu meiner Geschichte sagen: ein Vorstadt-Depp, der seiner Zerstreuungswut erlag – so tragisch wie peinlich. Ich sage, Berlin hat mich lebendig fühlen lassen. Ich musste mal wieder begreifen, dass Hedonismus in vielen Ecken unserer Welt nur Cashflow bedeutet. Wir bekommen unser Bier in PET-Pullen vorgesetzt und vergessen, wie sich eine Glasflasche mit kaltem klarem Wasser anfühlt. Die bewusste Langeweile ist der wahre Hedonismus in einer Stadt der Zerstreuung. Dafür bin ich in den Pott zurückkehrt – lädiert aber lebendig.

 

Bastian Schlange, 31, ist Journalist und Autor. Geboren in Wattenscheid lebt er mittlerweile am Dortmunder Hafen. Ein Zechenkind mit Ankerherz.

 

 

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