SCHLANGE: Die Kneipe, eine Insel

Jahr für Jahr habe ich gute und große Männer gesehen, die im Bermuda Dreieck verloren gingen. Um viele war es schade, und manche waren einfach nur Idioten. Einer hatte sich im Kneipenklo verbarrikadiert, das Waschbecken abgetreten, den Spiegel zertrümmert, und seinen Freund, den er eigentlich beschützen wollte, mit dem Kopf gegen den Kondomautomaten geklatscht.

Wenn die ersten Sonnenstrahlen durch die Fenster einer Pinte fallen, treffen sie selten auf die guten Seiten des Lebens.

Der Typ hatte sich das T-Shirt vom Leib gerissen und schrie mit bleicher Brust in eine Traube von zwanzig Mann, die sich um die Tür gebildet hatte: „Verpisst euch, ihr Bastarde! Bleibt ja zurück!“ Sein Wunsch war mir Befehl. So musste ich ihn nicht mit dem anderen Kellner festhalten, bis die Bullen eintrafen. Nur ein Trottel kann es für eine großartige Idee halten, auf einer Herrentoilette Schutz zu suchen. Die Beamten kamen, und ich sah den Burschen nie wieder.

Bermuda3eck heißt Bochums Kneipenmeile, ein Straßentrio gesäumt von Pinten und Amüsierschuppen. Sieben Jahre als Kellner habe ich auf dem Buckel. Meine Kneipe, der Intershop, öffnet um sieben am Abend und schließt um neun am nächsten Tag, seit über 25 Jahren eine Institution im Bochumer Nachtleben. Wenn die übrigen Läden dicht machen, sammelt sich im Shop der alkoholisierte Bodensatz, die Essenz der Kneipenlandschaft gestrandet auf einer kleinen Insel.

Mosaikstein eines Lebens

Man könnte meinen: Man trifft auf dieser Insel den einen betrunkenen Mosaikstein eines ganzen Lebens. Jeder Säufer hat eine Geschichte, und die besten verstecken sich hinter den größten Gläsern. Na ja. Inseltypen gibt es viele: die Ballermann-Party-Fraktion, die Wanderer, die ständig weiterziehen müssen, die Einsiedler, die Romantiker, Individualisten und die Verliebten. Jeder von ihnen hat seinen eigenen Grund im Nacken sitzen, der die Peitsche schwingt. Wie im Urlaub so auch am Tresen.

Durch die Nähe zum Bochumer Schauspielhaus war das Publikum im Shop schon immer durchwachsen: Künstler, Anwälte und Polizisten genauso wie Studenten, Journalisten und Alkoholiker. Mit fortschreitender Stunde kristallisiert sich allerdings ein ganz eigener Typus heraus: die Getriebenen, die von der Nacht geschluckt werden und dem tragischen Tresen-Tod entgegenarbeiten – entweder die Einsamen und oder die Irren. Oft bin ich selbst dort krepiert, weil der Wahnsinn meinem Gaul die goldenen Sporen gab und mit mir durch die Nacht bis zum Sonnenaufgang ritt.

Wahrheit hinter Bier-Tulpen

Eines Morgen fragte ich einen unserer Stammgäste hinter seiner Bier-Tulpe, warum er noch immer die Theken-Klette mache und nicht einfach nach Hause ginge. Ins Bett, in die Sonne, ins Wochenende. Jeden Freitag saß er allein am Tresen und trank, bis es hell wurde. Er erzählte mir von seinem Job als Architekt, der ihn nicht glücklich mache, von seiner Frau, die ihn vor vier Jahren verlassen hatte und der er noch immer nachtrauere, und dann schaute er mich still an, und aus den Augen dieses gestandenen Burschen tropften Tränen auf die Theke. Ich nahm ihn in den Arm und geleitete ihn zur Tür.

Die wirklichen Dämonen kommen erst nach dem Tanz. Der moralische Kater schmerzt meist mehr als die pochende Schädeldecke. Die Seele ist wund und plüschig, und man fühlt sich einsamer und verlassener als je zuvor. Manchmal denke ich: Es ist die Leere im Leben, die immer wieder das Glas auffüllt. Die Anziehungskraft des Tresens wächst mit der Angst, allein nach Hause zu kommen. An manchen Abenden scheint es das Richtige zu sein, doch an den meisten lässt man nur die eine Hand voll Zeit, die man in seinem Leben geschenkt bekommen hat und die stetig wie Sand zwischen den Fingern hindurch rinnt, in seine Zahnräder rieseln. Man blockiert und bremst sich nur aus. Eine Kneipe, eine verdammte Insel…

Wenn morgens der Intershop schließt, gibt es in Bochum nur noch die Ritze, die Pinte am Eierberg, die einen weiter laufen lässt. Wir trinken dort manchmal unser Feierabend-Bierchen und treffen die Gestalten wieder, die wir von unserem Tresen vertrieben haben. Die Essenz der Essenz schmeckt am Puff noch säuerlicher: Mann ist einsam, aber nicht allein.

 Bastian Schlange, 33, ist Journalist und Autor. Geboren in Wattenscheid lebt er mittlerweile am Dortmunder Hafen. Ein Zechenkind mit Ankerherz.

FÜR ALLE ZECHENKINDER: T-Shirt & BERGLEUTE. Das schwarze Herz des Ruhrgebiets.

1 comment

Habt Ihre eine Kneipen-Geschichte? Schreibt Sie uns!
ankerherz on Aug 29 2013

Leave A Comment