SOUND DER SEE: Rod Stewart, Sailing

VON NILZ BOKELBERG

Wir schreiben das Jahr 1975. Rod Stewart ist gerade nach Amerika gezogen, aus Protest, weil er den Spitzensteuersatz in seiner Heimat zu hoch findet. Und so nennt er sein neuestes Soloalbum auch konsequenterweise: „Atlantic Crossing“. Auf ihm zu finden: Ein Song, der Geschichte schreiben und zu einem der bekanntesten Meer-Lieder der Welt werden soll: SAILING.

Rod Stewart Sailing

Eine  sanft gepickte Akkustikgitarre vermittelt die Weite einer leichten Meeresbrise. Das Lied baut sich auf, von einer kleinen Jolle zu einem Viermaster mit Streichern, Orgeln und begleitendem Shanty-Chor. Die Melodie wird deutlich herausgearbeitet und der Bass ganz nach hinten gestellt. Das unterstreicht das Hauptmerkmal des Liedes: Sehnsucht. Ein sehnsüchtiger Song, der sogar Menschen, die noch niemals ein Segel eingeholt oder von nahem gesehen haben, sofort begreiflich macht, wie schön es sein muss, nur vom Wind getrieben über das Wasser zu gleiten. Auch wenn das jetzt vielleicht viel eingängiger ist, viel überdeutlicher, viel weniger subversiv: Ich würde behaupten, eine komplette Generation von Segelscheinen geht auf das Konto dieses Songs und des Gefühls, das er ausgelöst hat. Und dafür kann man sich doch einfach mal bedanken. Bei Rod. Und bei den Sutherland Brüdern.

DAS ORIGINAL VERSINKT IM BASS

Denn was viele nicht wissen: „Sailing“ ist eine Cover-Version. Sie geht zurück auf die Sutherland Brothers, ein zu dieser Zeit mäßig erfolgreiche Folk-Gruppe, das aber immerhin einen Plattenvertrag in der Tasche hatte. Ihr zweites Album „Lifeboat“, eine wahnsinnig gute Platte, eine interessante Mischung aus Blues, Folk, RnB und Rock, hat eine sehr eigene Energie. Und ist bei weitem nicht so düster, wie es das Album-Cover vermuten lässt. Überhaupt, die ganze Platte ist ein ständiger Widerspruch in sich und deswegen so verführerisch. Man spürt wie die Hippie-Zeit ausfadet und die Musik guckt, wie es weitergeht. Die zweite Single war ein Lied mit eher experimentellem Charakter: Nur zweieinhalb Minuten lang (für diese Zeit und diese Musik unfassbar kurz) und alles in diesem Song verschwindet unter einem dicken Bassbrummen. Eine ganz seltsame und vermutlich auch deswegen recht erfolglose Single: „Sailing“. Wenn man dieses Original hört, kann man sich nicht vorstellen, warum das jemand covern sollte. Oder dass es jemals ein Welt-Hit werden könnte.

“LOS, ROD, SING!”

Es konnte. Dank Rod. Und trotz des für heutige Ästhetikmaßstäbe komplett irrsinnigen Musikvideos: Der Mann aus der Arbeiterklasse eines Londoner Vorortes, der Mann, der als Jugendlicher eigentlich Profifußballer hatte werden wollen statt Popstar und der seine Musikerkarriere deshalb nur als Plan B begonnen hatten, sitzt darin auf einem Segelbötchen in der Bucht vor New York, trägt einen weißen Matrosenanzug und fasst sich am Ende des Clips wahnsinnig oft in die volle (an den Spitzen blondierte?) Haarpracht, die wirklich nur bis Mitte der 80er Jahre als „Frisur“ durchgehen konnte. Es wurde eines der ersten Musikvideos, die Jahre später vom Musikvideosender MTV gesendet wurden. Man hört förmlich den Regisseur rufen: „Egal, wir machen das jetzt! Los, Rod, SING!“ Dinge durchziehen – immer gut.

 

NILZ BOKELBERG, geboren 1976 in Bonn, ist (Ex-Viva-)Moderator, DJ und einer der besten Experten für Pop-Musik, den wir kennen. 

 

 

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