Die vorläufige Rettung der Flüchtlingsfamilie Oueslati

In meiner Rolle als Zuwanderungsbeauftragter von Schleswig-Holstein bin ich derzeit viel unterwegs. Letzte Woche reiste ich nach Brüssel, heute bin ich in Dresden. Auf einer Konferenz der Zuwanderungsbeauftragten aller Bundesländer. Zwei Themen beschäftigten uns besonders.

Zum einen die Meldung der Vereinten Nationen, dass im Mittelmeer gestern mindestens 239 Menschen ertrunken sind, als zwei Boote kenterten. Überlebende berichten darüber. Es ist schrecklich. Obwohl das Wetter nun schlechter wird, mit Sturm und hohem Wellengang, versuchen die verzweifelten Flüchtlinge weiterhin, vom Norden Afrikas aus nach Europa zu kommen. Viele Hilfsorganisationen wie Sea-Watch oder Sea-Eye mussten wegen des Wetters ihre Bemühungen einstellen; die Menschen auf den Schlauchbooten können nur wenig Hilfe erwarten.

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Flüchtlingsfamilie Oueslati soll abgeschoben werden

Die andere Meldung betraf eine Flüchtlingsfamilie, die im sächsischen Meißen Zuflucht gefunden hat. Die Oueslatis waren 2013 ordnungsgemäß mit Pässen aus Tunesien eingereist. Dort werden sie von Islamisten mit dem Tode bedroht. Die Familie mit drei Kindern gilt als Paradebeispiel für gelungene Integration: Alle fünf sprechen sehr gutes Deutsch und haben den christlichen Glauben angenommen. Vater Ahmed – der in Tunesien als Polizist arbeitete – absolvierte eine Ausbildung im Bewachungsgewerbe. Mutter Ilhem kümmerte sich selbst um die Finanzierung ihres Sprachkurses, nachdem die Behörden die finanziellen Mittel verweigerten. Sie arbeitet im Büro einer Bundestagsabgeordneten. Die Kinder sind gut in der Schule – der Jüngste spricht kein Arabisch mehr.

Diese Familie wurde heute Morgen um 6 Uhr von der Polizei abgeholt und sollte abgeschoben werden. Ohne jede Vorwarnung! Diese Praxis halte ich ohnehin für menschenverachtend. Im Falle der Familie Oueslati aber ist es absurd. Vertreter aller Parteien, von SPD, CDU und Grünen sprachen sich in Meißen klar gegen diesen Schritt aus; einige Bürger demonstrierten, so war zu hören, spontan am Busbahnhof. Mein Kollege, der Zuwanderungsbeauftragte Sachsens, verließ immer wieder unsere Sitzung, um zu telefonieren.

Eine gute Nachricht

Dann am Nachmittag die gute Nachricht: Wie die Sächsische Zeitung berichtet, konnte die Abschiebung mithilfe eines Faxes verhindert werden. Die Kopie eines Arbeitsvertrages sorgte für die Wende. Nun könnte es zu einer Duldung kommen. In buchstäblicher letzter Sekunde: Die Familie befand sich bereits im startbereiten Flieger, der Richtung Tunesien abheben sollte. Familie Oueslati hat Glück gehabt, Streiter für ihre Sache zu finden. Viele andere Familien haben es leider nicht.

Die Praxis, ohne jede Vorwarnung abzuschieben, muss aus meiner Sicht dringend geändert werden.

 

(Aufgeschrieben von Stefan Kruecken, Ankerherz)

Kapitän Stefan Schmidt, Jahrgang 1941, fuhr knapp fünf Jahrzehnte zur See. 2004 rettete er Flüchtlinge aus dem Mittelmeer, wurde deshalb angeklagt und ging fast in den Knast. Seit fünf Jahren ist er Zuwanderungsbeauftragter des Landes Schleswig-Holstein. Im Ankerherz Blog berichtet er ab sofort von seinem Leben und seiner Arbeit.

 

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