Ein Bremer Kapitän und sein kleines Schiff mitten im Hurrikan

Die Wetteraussichten sind beängstigend: Hurrikan »Andrew« zieht auf Louisiana zu. Auf der Brücke des kleinen Containerfrachters, der es gerade noch auf den Mississippi geschafft hat, wartet Irenäus Kraenz auf einen Wirbelsturm der schlimmsten Kategorie. Eine Nacht der Furcht beginnt. Das ist seine Geschichte, aus unserem Buch Wellenbrecher.

Was von draußen hereindringt, klingt wie das Brüllen eines Tieres, ein lauter, konstanter Ton, der mit einem Male einsetzt, als habe man einen Hebel umgelegt. Die Fenster der Brücke: finsteres Schwarz. Wir können nichts sehen vom Mississippi und seinen Ufern und nur ahnen, wie der Regen an den Scheiben herunterläuft. Auch das 
Radargerät zeigt nichts mehr an. Ich überlege, ob die Antennen abgerissen sind. Der Hurrikan, den sie »Andrew« nennen, befindet sich nun direkt über uns.

Ich bin viele Jahre zur See gefahren und in manch brenzlige Situation geraten, aber einen Wirbelsturm dieser Größe, einen Sturm Kategorie fünf auf der Saffir-Simpson-Skala, habe ich aus solcher Nähe noch nicht erlebt. Ich bin froh, dass wir mit unserem Frachter Uniqueauf dem »Old Man River« liegen und nicht draußen im Golf von Mexiko.

Der Hurrikan ist jetzt da

Unser Frachter heißt Unique, ist aber keineswegs einzigartig, sondern ein gewöhnlicher kleiner Frachter von 1600 Bruttoregistertonnen mit elf Mann Besatzung, mit dem wir Container zwischen New Orleans, Port Everglades und Häfen in Venezuela und auf Trinidad hin und her fahren. Meine Frau Astrid, die mich auf manchen Reisen begleitet, befindet sich ebenfalls an Bord. Im Morgengrauen des 16. August, wir waren gerade aus Paramaribo in Surinam ausgelaufen, erreichte mich eine Wettermeldung der amerikanischen Coast Guard: Aus einem Tief vor der Westküste Afrikas hatte sich eine »Deep Depression« gebildet, die Richtung Bahamas schob.

Kapitän Kraenz aus Bremen überlebte den Hurrikan auf dem Delta des Mississippi. Foto: Multhaupt

 

Für einen Kapitän bedeutet die Ankündigung eines Hurrikans noch keinen Grund zur Beunruhigung, aber Anlass für erhöhte Wachsamkeit. Es blieb noch Zeit, auszuweichen, obwohl die Unique gewiss nicht als das schnellste Schiff in die Geschichte der Seefahrt eingehen wird. Unser nächster Zielhafen sollte New Orleans am Mississippi sein. Ich studierte aufmerksam die Wetterberichte und hielt erst mal unseren geplanten Kurs bei, denn wir waren in Charter unterwegs und ich wollte nicht kostbare Tage verstreichen lassen.

Welchen Weg würde »Andrew« einschlagen? Wo traf er auf Land? Am 23. August liefen wir durch die Yucatán-Straße zwischen Mexiko und Kuba; zu diesem Zeitpunkt befand sich der Hurrikan noch östlich von Florida. Mir blieben also zwei Optionen: Auf Kurs bleiben und rechtzeitig den Mississippi erreichen, wo wir den Sturm abwettern konnten? Oder umdrehen und einige Tage weit zurück in die Karibik laufen, um die Uniquesüdlich von Kuba unter Land zu legen?

Letztes Schiff in New Orleans

Meine Berechnungen ergaben, dass wir noch anderthalb Tage bis ins Delta des Mississippi benötigen würden, was bedeutete, dass wir vor dem Wirbelsturm auf dem großen Fluss eintreffen sollten. Im flachen Wasser des Stroms konnte uns »Andrew« nicht viel anhaben. Meine Entscheidung stand fest: Volle Kraft voraus! Je näher wir der amerikanischen Küste kamen, desto unruhiger wurde ich, weil ich fürchten musste, dass die Lotsenstation bereits geschlossen sein könnte – und wir nicht in den sicheren Fluss hineinkonnten. Die Satellitenaufnahmen zeigten einen Sturm, der an ein monströses Spiegelei erinnerte: »Andrew« hatte seine maximale Stärke erreicht. Auf See konnte er selbst große Schiffe in Gefahr bringen. Am Abend des 24. August, an jenem Tag also, als »Andrew« in Florida Menschenleben forderte und Milliardenschäden verursachte, meldete ich MS Unique in Pilottown an, der Lotsenstation am Mississippi.

»Käpten, Sie wollen noch reinkommen?«, fragte mich der diensthabende Lotse über Funk. »Dann beeilen Sie sich! Wir schicken Ihnen einen Kollegen. Sie sind das letzte Schiff, das wir annehmen. Nach New Orleans kommen Sie nicht mehr. Die Flusslotsen sind alle geflohen!«

25 alte Kapitäne erzählen: unser Buch WELLENBRECHER.

 

Um 1.54 Uhr am Morgen des 25. August ankerten wir vor Pilottown, einer Ansiedlung von wenigen Häusern, einer Wetterstation und Tanks. Der Lotse beeilte sich, an Land zu kommen. Ich blieb auf der Brücke und schaltete den Fernseher ein: Bilder wie aus einer Kriegszone waren zu sehen. »Andrew« kam immer näher, was wir im Morgengrauen daran merkten, dass der Wind zunahm und sich der Himmel verfinsterte. Uns blieb nichts anderes übrig, als abzuwarten.

Vladimir behält die Nerven

Neben mir sitzt Steuermann Vladimir aus Odessa, ein 30-jähriger Ukrainer, der früher auf U-Booten der Roten Flotte gedient hatte und der die Aura eines verschlafenen Stoikers verbreitete. Ihn kann wenig aus der Ruhe bringen, aber selbst er ist nervös. Um kurz nach halb eins trifft uns die erste Wand des Hurrikans, ein Wind wie eine Mauer, so kommt es mir vor. Es ist beängstigend. Absolute Finsternis draußen und dieses Brüllen, das wie das Röhren eines Hirsches klingt. Um nicht ans Ufer gedrückt zu werden, müssen wir die Uniquenun frontal gegen den Wind halten, was nicht einfach ist, denn uns fehlt in der Dunkelheit die Orientierung und auch auf dem Schirm des Radargeräts ist nichts zu erkennen.

Mit meiner Erfahrung lege ich das Schiff gegen den Orkan. Nach 20 Minuten lässt der Sturm etwas nach, dreht aber um kurz vor halb zwei erneut auf. Dies ist die zweite Wand! Zumindest der Wellengang bereitet uns keine Schwierigkeiten, denn der Fluss ist an dieser Stelle nur wenige Meter tief. Etwa hundert Meter weit haben wir uns in der vergangenen Stunde gegen den Sturm bewegt und dies, obwohl die Maschine mit voller Kraft läuft und die Ankerkette hält. Eine kritische Situation steht uns bevor: Vor einer Stelle, wo sich der Mississippi gabelt, müssen wir die Unique wenden, um nicht aufs Ufer aufzulaufen.

»Alles klar?«, frage ich Vladimir.

»Alles klar«, antwortet er ganz ruhig.

Ich gebe Order, das Ruder hart steuerbord zu legen. Das Manöver gelingt, ohne dass wir Grund berühren oder vom Hurrikan an Land gedrückt werden, und ich reduziere die Fahrt. Nach etwa einer halben Stunde sind wir – nun mit dem Wind von achtern – wieder an unserem Ankerplatz angelangt: Wir müssen die Unique erneut drehen. Als auch dies gelingt, spüre ich, dass es mir leicht ums Herz wird. Das Schlimmste ist überstanden; gegen vier Uhr morgens flaut der Hurrikan ab und der Wind bläst nur noch mit Stärke acht. Als Vorsichtsmaßnahme lasse ich die Maschine weiterhin Stand-by laufen, um den Zug auf die Ankerkette zu reduzieren. Ich verabschiede mich von Vladimir auf der Brücke, um ein wenig Schlaf nachzuholen. Vor Müdigkeit kann ich kaum die Augen öffnen.

Der Mann mit dem Fahrrad

Ich schlafe unruhig, werde nach vier Stunden wieder wach und gehe zurück auf die Brücke. Am Ufer sehe ich eine Kuhherde, die auf der höchsten Stelle einer Wiese zusammengelaufen ist und dicht zusammensteht. Gespenstisch still ist es, denn kein Vogel krächzt. Sämtliche Bäume hat der Hurrikan entlaubt, kein Blatt, keine Äste mehr zu sehen, das gestern noch tiefgrüne Ufer des Mississippi ist nun kahl wie der Kopf eines alten Mannes. Dann wundern wir uns: Ein Mann mit einem Fahrrad fährt am Ufer vorbei und stoppt auf den Resten einer Holzpier. Er winkt und ruft: »Ich wollte sehen, ob ihr noch da seid!« Er scheint der Einzige zu sein, der es wagte, in Pilottown zu bleiben. Am nächsten Tag kommen die Lotsen zurück. Einer der Männer, etwa 40 Jahre alt, mit einem Gesicht, das die Sonne der Südstaaten geröstet hatte, lässt sich zu uns übersetzen. Ich frage ihn nach dem Mann auf dem Rad.

 

»Ach, das war der alte Al, der bleibt immer hier, egal, was passiert«, erklärt er mir im breiten Dialekt von Louisiana, was sich anhört, als lutsche jemand auf einer heißen Marone. Am 27. August erreichen wir um kurz vor halb zwölf die Davant-Reede vor New Orleans, löschen unsere Ladung und laufen zurück in den Golf von Mexiko, Kurs Port Everglades.

Die Küsten von Florida hat »Andrew« besonders hart getroffen. Ich gehe an Land, nehme ein Taxi und bin schockiert: Die meisten Bungalows sehen aus, als seien Panzer mitten durchs Wohnzimmer gefahren. Vor einigen Ruinen sitzen grimmige Männer auf Klappstühlen, mit Gewehren, schussbereit auf ihren Knien. Furcht vor Plünderern geht um. Selbst große Überlandbusse hat der Sturm umgekippt; in einem Flughafen hat er kleine Flugzeuge auf die Hangars geweht. Vom Tower, einer massiven Konstruktion aus Beton, ist eine Ruine übrig. Einige Yachten hat der Hurrikan auf das Ufer gelegt, wie vergessenes Kinderspielzeug.

 

Kapitän Irenäus Kraenz, 1935 im ehemals polnischen Lublin geboren, floh mit seiner Familie nach Kriegsende Richtung Westen und wuchs in Stendal auf. Im Alter von 14 Jahren brach er alleine in Richtung Westdeutschland auf, überquerte die Zonengrenze und kam im Jugenddorf von Delmenhorst bei Bremen unter. Seinen Traum, zur See zu fahren, konnte er sich erst mit 16 Jahren erfüllen, weil ihm vorher die Erlaubnis der Eltern fehlte. Kraenz machte 1969 sein A6-Patent und übernahm zwei Jahre später sein erstes Kommando. Er ist verheiratet und lebt in Bremen.

Hurrikan »Andrew« gilt als einer der stärksten Stürme des 20. Jahrhunderts und verursachte den bis dahin höchsten materiellen Schaden, von dem manche Experten schätzen, dass er jenseits der 40 Milliarden Dollar lag. Der Sturm, der mit Spitzengeschwindigkeiten von 240 Stundenkilometern wütete, tötete 26 Menschen und machte eine Viertelmillion Küstenbewohner am Golf von Mexiko obdachlos.

Das Foto zu diesem Text zeigt Hurrikan Florence, aufgenommen von Alexander Gerst (HIER) aus der Internationalen Raumstation. “Watch out, America!”, schreibt der deutsche Astronaut darunter.

 

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