KAPITÄN SCHWANDT: Freunde in den asozialen Medien

ANMERKUNG: Diese Kolumne stammt aus dem Sommer 2015. Keine zwölf Monate, im Juli 2016, später zählt die Facebook-Seite von Kapitän Schwandt 110.000 “Freunde” – und es kommen wöchentlich tausende hinzu.

 

Seit gestern habe ich mehr als 1000 Freunde. Nun ja, „Freunde“ – es sind Leute, die im Facebook „gefällt mir“ auf meiner Seite geklickt haben. Die Leute von „Ankerherz“, die meine Geschichten aufschreiben, haben mich dazu überredet. Zuerst war ich skeptisch. Doch ich erhielt viele schöne Kommentare zu meiner Kolumne und ich traf Bekannte aus aller Welt wieder.

Ich dachte: „Prima Sache, dieses Facebook.“ Bis ich mich auf anderen Seiten umsah.

„Soziale Medien“ nennen sich Facebook, Twitter und Co. Der Tonfall, den einige Nutzer anschlagen, passt jedoch gar nicht dazu. „Asoziales Gebrülle“ wäre für manche Dialoge die bessere Beschreibung. Manche Beleidigungen, die ich las, habe ich selbst beim Streit im schlimmsten Bordell von Rotterdam nicht gehört, und dort wurde wirklich heftig geflucht.

Kapitän Schwandt liest in der MOPO mit Becher "Hai mit Taucher"

Auf der Seite der Bundesregierung zum Beispiel darf man sich nicht lange aufhalten. Man bekommt sonst denn Eindruck, dass man von Quartalsirren umzingelt ist. Eine Gemengelage aus Rechtsextremen, Linksextremen, radikalen Tierschützern, insgesamt oder komplett Unzufriedenen, Spinnern und Russlandfreunden (von denen ja nicht wenige bezahlt werden) tobt sich dort aus. Einige posten unter echten Namen Kommentare, die jeden Staatsanwalt in Wallung bringen. Diskussion mit diesen „Freunden“? Unmöglich.

Auf der Seite meiner MOPO sah ich kürzlich ein Foto mit drei jungen Mädels und der Frage, ob das Tragen von Pelz in Ordnung sei. Darüber kann man geteilter Meinung sein. Die Art und Weise vieler Kommentare aber ließ mich erschaudern. „Auf den Kragen kotzen“, „mit Knüppel schlagen“, „Pelzträger wie Müll behandeln“ war dort zu lesen, einer wünschte den Mädchen „das Schlimmste im Leben“. Ich habe den Computer ausgemacht und bin zur Beruhigung eine rauchen gegangen. Pfui.

Kinderstube? Latrinenparolen

Wie weit ist es von solchen Drohungen zu Taten? Wo kommt sie her, diese Wut? Dieser Hass? Dieser Mangel an Kinderstube? Ich frage mich, ob diese Worte auch fielen, wenn man sie einander ins Gesicht sagen müsste. Wobei es für viele unerträglich zu sein scheint, die Meinung eines anderen zu respektieren. Genau das fehlt: Respekt. Jetzt klinge ich schon wie ein alter konservativer Knochen, der ich nicht bin.

Für meine eigene Facebook-Seite haben wir vereinbart, dass eine „Null Toleranz“-Politik für „Trolle“ gilt, wie man diese Schimpfkanonen nennt. Ich warte auf den Ersten, der sich wegen meiner Zigaretten aufregt. Doch ich werde jeden Pöbelbruder höchstpersönlich löschen.

Klick und weg. Farewell, Troll.

 

Jürgen Schwandt, Jahrgang 1936, wuchs in St. Georg auf. Er fuhr jahrzehntelang zur See und lebt heute in Hamburg.

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