Großstadtlöwe – eine Hundegeschichte von St. Pauli

Großstadtlöwe – eine Hundegeschichte von St. Pauli

Autor: Olaf Kanter /// Fotografie: Julia Marie Werner

Tschikko braucht eine Aufgabe, und die Fotografin Ju­lia Marie Werner will ihre Stadt besser kennenlernen. Weil beide ein besonderes Talent mitbringen, wird es mehr als nur ein Spazier­gang durch Hamburg St. Pauli. Dies ist eine stark gekürzte Version eines Textes aus unserem Buch FELLHERZ, mit 25 Hundegeschichten aus Deutschlands buntestem Kiez. Das Buch wird von Medien, Lesern und in Hundeblogs gefeiert – hier kann es bestellt werden.

Großstadtlöwe – eine Hundegeschichte von St. Pauli

 

Der Löwe sitzt auf dem Asphalt zwischen Stapeln von Containern, die bis in den Himmel ragen. Allerdings hängt der heute auch besonders tief, es ist ein nebliger Tag, ungemütlich und kalt, Herbst in Hamburg eben. Der Löwe scheint zu frösteln. Aber er ist hier zu Hause, das ist sein Revier, er ist der Großstadtlöwe. Das Haupt hoch erhoben schaut er in die Kamera.

Nur Sekunden später donnert ein riesenhafter Gabelstapler an Tschikko vorbei, einen 60-Fuß-Container in den Klauen. Der Löwe fixiert die Fotografin, unbeirrt, ohne mit der Wimper zu zucken, nur ihr gilt seine Aufmerksamkeit, die Maschine bringt ihn nicht aus der Ruhe.

Großstadtlöwe – eine Hundegeschichte von St. Pauli

Es ist für Tschikko ein Spiel, aber das sieht der Betrachter erst auf den zweiten Blick, weil der Löwe so überzeugend wirkt. Aus der Entfernung ist nur schwer zu erkennen, dass die Mähne aus langen Wollfransen besteht, dass in dem Lö­wen ein anderer steckt, Tschikko nämlich, ein sechs Jahre alter Mischling, wahrscheinlich halb irischer Terrier, halb chi­nesischer Shar Pai, so genau kann man das nicht sagen. Auf jeden Fall hat er Gene geerbt, mit denen ihm die Illusion perfekt gelingt. Sein Fell: kurz und struppig und braun wie die Savanne. Die Schnauze: genauso lang und kräftig, wie es sich für ein Löwengesicht gehört. Und dann die Augen: ein leuchtendes Bernsteinbraun, ungewöhnlich hell. Wenn Tschikko einen anschaut, nimmt man ihm den Löwen ab.

Der Großstadtlöwe vor der berühmten “Ritze” auf der Reeperbahn
Sturmflut am Fischmarkt – kein Problem für einen Großstadtlöwen.

 

Als sich die Fotografin, Julia Marie Werner, Jahrgang 1982, und Tschikko das erste Mal begegnen, ist vom König der Tiere allerdings noch nichts zu ahnen. Sie ist auf einem großen Foto-Shooting in Spanien, Aufnahmen für eine Audi-Werbekampagne, und als das Team mittags beim Essen sitzt, stöbert ein zerzauster, abgemagerter Welpe in den Mülltonnen nach Futter. Ein spanischer Mitarbeiter im Team nimmt einen Stock und verscheucht den Hund. „Wie er da so jaulend weglief“, sagt Julia, „hat es mir fast das Herz ge­brochen.“ Sie schwört sich: Wenn er zurückkommt, ist das mein Zeichen, dann werde ich mich um ihn kümmern. Wenn er sich wieder zu uns traut, dann behalte ich ihn.

Wie im “König der Löwen”

Eine Viertelstunde später liegt das magere Kerlchen neben dem Foto­team im Schatten eines Lastwagens. Julia ist eine Frau, die auch macht, was sie sich vorgenommen hat. Mit Wasser aus einer Regentonne wäscht sie den Hund, sie besorgt Medikamente für eine Wurmkur, zieht ihm die Zecken aus dem Fell. „Und dann sah er einfach zuckersüß aus. Ich habe ihn vom ersten Augenblick geliebt“, sagt Julia. Tschikko nennt sie ihn, nach dem spanischen chico, Knirps, junger Bursche. Später beobachtet sie ihn, wie er herumtollt und Schmetterlinge jagt. Wie der kleine Simba im Film, denkt Julia, wie im „König der Löwen“.

Der Großstadtlöwe am Millerntor, dem Stadion des FC St. Pauli.
Großstadtlöwe am Elbstrand.

 

Und da ist er zum ersten Mal, dieser Gedanke. Tschikko, der verstoßene, verwahrloste Streuner aus Spanien, ist in Wahr­heit ein Löwe. Wenn man sich auf das Spiel einlässt, erkennt man das sofort, oder? Nur klingt Tschikko als Name dann eigentlich nicht royal genug. Julia schenkt ihm als zweiten Vornamen den königlichen „Leopold“, was so viel bedeutet wie „der Kühne aus dem Volk“ und gleichzeitig auch den Löwen anklingen lässt. Dann hängt sie noch ihren eigenen Nachnamen hinten dran und erhebt den Straßenhund in den Adelsstand: Tschikko Leopold von Werner.

Der Löwe thront auf einem Stromverteiler, der Kasten ist mit Graffiti bekleckst, im Hintergrund das Stadion des FC St. Pauli. Rücken und Schwanz gestreckt, Brust raus, die Beine durchgedrückt, wie man das von Denkmälern kennt. Der Braunschweiger Löwe zum Beispiel, der sieht genau so aus. So eine Haltung zeigt, wer keinen Zweifel spürt. Vor uns steht der König der Stadt. (…)

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Fellherz – das Buch mit 21 Hundegeschichten von Hamburg St. Pauli.

 

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