HAIFISCH BAR GESCHICHTEN – der blinde Herrmann

HAIFISCH BAR Geschichten aus dem Herzen von Hamburg. Die neue Kolumne in Kooperation mit der Hamburger Morgenpost.

DER BLINDE HERRMANN

Aufgeschrieben von Stefan Kruecken, Ankerherz.

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Gemütliche Ecke in der Haifisch Bar (Foto: Axel Martens)

In Verlängerung des Tresens, der so viele Ellbogen von Matrosen gehalten hat, an der Wand genau zwischen Damenklo und Schnapsregal, hängt die gerahmte „Star-Galerie“ der Haifisch Bar. Persönlichkeiten, die hier tranken, sangen, oder beides: Heidi Kabel hat einen Gruß auf ihr Foto gekritzelt, Freddy Quinn bedankt sich, der große Götz George im Schimanski-Parka und noch ein paar mehr. Dazu gibt es viele schillernde, pralle Stories, aber davon erzählen wir ein anderes Mal.

Zu den stillen Stars, die immer wieder kamen, gehört „der blinde Herrmann“. Jahrelang kam er jeden Sonntag in den „Hai“, um auf seinem Akkordeon zu spielen, und pünktlich um halb Fünf hielt das Taxi, das ihn aus dem Blindenheim herüber brachte. „Ich spielte den Oberaufseher, damit ihm keiner zu nahe trat“, erzählt Gert Schlufter, der Wirt. Vor allem ging es darum, zu überprüfen, dass alle Gäste etwas in den Sektkühler legten, der als Spendenbox herumgereicht wurde.

„Geben ist seliger als Nehmen“, das galt nicht nur für die Kirche, sondern auch für das Hochamt im Hai.

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Freddy Quinn grüßt von der Wand. (Foto: Axel Martens)

Mit jedem Gedeck spielte er schneller

Die Gäste warfen aber nicht nur Geld in den Kübel, sondern spendierten dem blinden Herrmann auch gerne Pils und Korn. Das Problem: Mit jedem „Gedeck“ spielte er etwas schneller. „Mein Gott, was alles in den hineinging“, erinnert sich Schlufter. Am Ende spielte Herrmann meistens in einem Tempo, dass jedes Lied ähnlich klingen ließ – eine Art Eurovision Song Contest auf dem Akkordeon, könnte man sagen – doch dann hielt schon das vorbestellte Taxi, um ihn abzufahren.

So ging das Sonntag um Sonntag, bis zu jenem Wochenende, als das Taxi nicht kam. War Herrmann krank? Hingefallen? Was war los? Gert machte sich Sorgen und holte Erkundigungen ein. Ergebnis: Ein anderer Wirt, Kuno, hatte ihn, nachdem sich der kornbefeuerte Erfolg herumgesprochen hatte, für seine Pinte abgeworben.

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Der blinde Herrmann in Aktion. (Foto: Privat.)

Doch es dauerte nicht lange, bis das Telefon in der Haifisch Bar klingelte. Herrmann meldete sich am anderen Ende. Ob er nicht doch, bitte vielleicht wieder spielen könne, Schuldigung.

„Was ist denn los?“, fragte Gert.

„Ach, der Kuno ist doof. Der meint, ich spiele schief.“

„Und dann?“

„Dann habe ich ihm gesagt: ‚Mag sein. Aber den Fraß, den du kochst, kann ich schon lange nicht mehr sehen.’

Gert meint, er sei vor Lachen vom Barhocker gerutscht. Am Sonntag darauf spielte der Blinde Herrmann wieder auf seinem Platz unter der Kümmelflaschen-Lampe.

 

Ab sofort erzählen wir jeden Samstag eine Geschichte aus der Haifisch Bar. Haben Sie auch eine für uns? Melden Sie sich: haifischbar@ankerherz.de  

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