HAIFISCH BAR GESCHICHTEN: Ein Abend mit Kapitän Schmidt

 

Haifisch Bar Geschichten – die Kolumne aus dem Herzen von Hamburg. In Kooperation mit der Hamburger Morgenpost.

Aufgeschrieben von Stefan Kruecken

Am Ende erheben sich alle Gäste in der Haifisch Bar für den Kapitän mit dem weißen Bart. Er hat von einer Seenotrettung erzählt und von einem Skandal. 37 Menschen rettete er von einem Schlauchboot im Mittelmeer, von einem Boot, auf dem es kein Wasser und keinen Treibstoff mehr gab. Er hatte es durch sein Fernglas gesehen und war sofort zur Hilfe geeilt. Dafür ging er fünf Tage in den Knast und musste sich vor einem italienischen Gericht verantworten. Der Prozess beendete seine Laufbahn.

„Was sollte ich denn tun? Zu helfen war meine verdammte Pflicht als Kapitän und Christ“, sagt Stefan Schmidt, 75. „Sollte ich die Leute ertrinken lassen?“

Der Abend heißt „Ankerherz im Hai“, zum 29ten Mal schon, doch diesmal geht es nicht nur um Seefahrtsromantik, um Stürme und Rotlicht. Sondern um Kapitän Schmidt, der mitten hinein geraten war ins Getriebe der Weltpolitik. Die wahre Geschichte aus dem Jahr 2004, die der Kapitän aus Lübeck an diesem Abend an der Hafenkante erzählt, erscheint so absurd wie die Adaption eines Kafka-Romans.

Kapitän Schmidt: Angeklagt wegen Schleuserei

Schmidt hatte die Flüchtlinge aus Afrika an Bord genommen und war dann allein gelassen worden von den Behörden und der rot-grünen Bundesregierung. Die italienischen Behörden verweigerten die Erlaubnis, einen Hafen anzulaufen und schickten stattdessen Kriegsschiffe und einen Helikopter mit schwer bewaffneten Einheiten. Panik machte sich an Bord breit. Als Schmidt endlich eine Genehmigung erhält, einen Hafen auf Sizilien anzusteuern, zieht man sie in letzter Sekunde zurück. Schmidt läuft trotzdem ein, weil er die Sicherheit seiner Crew gefährdet sieht, und wird im Polizeipräsidium verhaftet.

„Den Polizisten, die mich ins Gefängnis fuhren, war die Festnahme so peinlich, dass sie anhielten und mich zu einer Eiscremé einluden“, erzählt er. Fünf Tage verbringt er hinter Gittern, zusammen mit einem Mörder und einem Autoknacker. Während des Hofgangs fragen ihn echte Schleuser vorwurfsvoll, warum er denn auf einem so großen Schiff so wenige Flüchtlinge unterbrachte. International sorgt der Fall für Aufsehen, sogar der Papst meldet sich mit Zustimmung für Kapitän Schmidt, doch von der rot-grünen Bundesregierung gibt es keine Unterstützung.

Wegen „Schleuserei“ wird Schmidt angeklagt. Die Staatsanwaltschaft fordert fünf Jahre Haft und 400.000 € Strafe. Nach fünf Jahren endet das Verfahren mit einem Freispruch. Heute ist Kapitän Schmidt Zuwanderungsbeauftragter des Landes Schlewsig-Holstein und Blogger. War seine Rettungsaktion eine Heldentat? „Nein“, sagt Schmidt, „es war eine normale Reaktion.“ Er wünscht sich, dass jeder seine Stimme erhebt, jeden Tag. „Menschlichkeit zu zeigen, ist in diesen Zeiten wichtiger denn je.“

 

Ab sofort erzählen wir jeden Samstag eine Geschichte aus der Haifisch Bar. Haben Sie auch eine für uns? Melden Sie sich: haifischbar@ankerherz.de

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