HAIFISCH BAR GESCHICHTEN – eine Hure namens Micky Maus

HAIFISCH BAR Geschichten aus dem Herzen von Hamburg. Die neue Kolumne in Kooperation mit der Hamburger Morgenpost.

EINE HURE NAMENS MICKY MAUS

Aufgeschrieben von Stefan Kruecken, Ankerherz.

 

Wer im Internet nach der „Großen Elbstraße“ sucht, findet als ersten Treffer: „Shopping Elbmeile“. Dazu gibt es Tipps für Designerläden, Möbel, erlesene Weine, und Empfehlungen für schicke Restaurants mit Schwerpunkt Sushi und Steak. Die Straße gehört in ein „luxuriöses Wohn- und Büroquartier“, wie es in den Sprachblasen der Immobilienprospekte heißt. Nur die Haifisch Bar, der „Schellfischposten“ und die Seemannsmssion erinnern noch daran, dass es einmal anders war.

Früher, in der Mitte der 1980er-Jahre, ging es hier nicht ganz so fein zu.

In der ganzen Straße standen die Damen des Horizontalen Gewerbes, und zu deren Kundschaft gehörten nicht nur die Matrosen aus aller Welt. Auf den Seitenstreifen vor dem Hai durften die Fernfahrer parken. Es wurde gekobert. Jeden Tag gegen 17 Uhr verwandelte sich die Damentoilette der Haifisch Bar in eine Art Schminksalon, für etwa eine Stunde.

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Schminkstation auf dem Damenklo

„Man glaubt gar nicht, wie ein Pott Schminke und die untereinander getauschten Lippenstifte das Aussehen verändern können“, sagt Gert, der Wirt der Haifisch Bar, 70, ein Kerl mit kräftigen Armen, aufgewachsen auf Sankt Pauli. „Einige Damen kamen zehn Jahre jünger aus dem Klo wieder raus.“

Zur Stammkundschaft am Tresen gehörte eine Hure, die den Spitznamen „Micky Maus“ trug. „Micky Maus“, weil sie recht klein gewachsen war („etwas größer als eine Parkuhr“, meint Gert) und im Gesicht „gewisse Ähnlichkeiten“ mit einer Maus aufwies. „Micky Maus“ trank viel, meistens Bier.

Eines Nachts beobachtete Gert, dass „Micky Maus“ mit dem Fernfahrer Heinz verschwandt und mit ihm in den LKW stieg. Als sie einige Zeit später zurück in den Hai kam, bestellte sie, wie immer, ein großes Bier. Auf ihrem Deckel standen schon diverse Getränke, also forderte Gert sie auf, die aufgelaufene Zeche zu begleichen.

„Erst zahlen, Micky“, meinte er.

„Hab’ kein Geld“, murmelte sie, und kramte dabei in ihrer Handtasche.

„Mensch, du warst doch gerade bei Heinz im Koffer! Du MUSST Geld haben“, erwiderte Gert.

Micky starrte ihn an, zuerst mit Erstaunen, dann mit Fassungslosigkeit im Blick.

„Hast Recht, das ist mir noch nie passiert“. Und unter dem Gelächter der anderen Gäste am Tresen, die den Dialog mitgehört hatten, eilte sie Richtung Ausgang. „Hab’ doch glatt vergessen zu kassieren!“

Die kleine Geschichte ging für „Micky Maus“ gut aus: Der LKW parkte noch dort, wo sie eingestiegen war.

 

Ab sofort erzählen wir jeden Samstag eine Geschichte aus der Haifisch Bar. Haben Sie auch eine für uns? Melden Sie sich: haifischbar@ankerherz.de /// haifischbar@mopo.de 

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