HAIFISCH BAR Geschichten: Die Nacht der Frau Baronin

DIE NACHT DER FRAU BARONIN

 Aufgeschrieben von Stefan Kruecken, Ankerherz.

Auf hoher See, vor Gericht und am Tresen der Haifisch Bar sind alle gleich. Wie wahr dieser Satz ist, zeigt die Zuschrift von MOPO-Leserin Imke Turau, die eine besondere Geschichte aus dem Hai erzählt. Schillernde Gäste hatte der Hai schon manche, aber noch niemanden, wie diese Dame. Ich habe mir ihr telefoniert, und sie schwört, dass diese kleine Geschichte wahr ist. Worauf man in „postfaktischen Zeiten“, in denen ein amerikanischer Präsident die Besucherzahlen seiner eigenen Amtseinführung frisiert, achten muss.

Zum Freundeskreis von Frau Turau gehört eine Baronin, eine Hochadlige, nennen wir sie Gloria vom Geier zu Wittgenstein. (Sie ist echt, möchte ihren echten Namen nicht in der Zeitung lesen, deshalb das Pseudonym). Eine Dame, wie man sich in einem Film voller Klischees eine Baronin vorstellt: das Haar hochgesteckt, die Haltung nobel, die Uhr gülden, „Typ Margaret Thatcher“, so beschreibt Frau Turau ihre Freundin. Die Damen hatten beschlossen, „mal richtig einen trinken zu gehen“, doch eine Bar, die sie in der Gegend mit einem Taxi ansteuerten, war geschlossen. Frau Baronin hatte von der Haifisch Bar gehört.

(Falls jemand der Jüngeren nicht mehr weiß, wer Margaret Thatcher war.)

 

„Was müssen wir denn machen, um dort willkommen zu sein?“, fragte sie.

„Na, erstmal die Cartier ablegen, die Ringe in die Tasche und die Getränkefrage klären“, entgegnete Frau Turau.

„Getränke, wieso? Was nimmt man denn zu sich?“, erkundigte sich Frau Baronin.

„Astra. Vom Fass oder direkt aus der Flasche.“

Frau Baronin hatte den Schmuck in der Handtasche verschwinden lassen. Der Gedanke an Flaschenbier schien sie nicht ganz zu überzeugen.

„Nun, die Herrschaften werden wohl auch etwas anderes anbieten können. Also los!“

Die Nacht der Baronin beginnt kühl

Die Haifisch Bar war dampfend voll in dieser Nacht, und es war etwas schwierig, sich einen Weg an den Tresen zu bahnen. Die Gespräche waren verstummt, erinnert sich Frau Turau. Wie in einem Saloon im Wilden Westen, wenn Fremde hinzukommen. Das Auftreten der Frau Baronin war einfach zu auffällig, ohne auffällig sein zu wollen.

„Was wollt ihr denn trinken?“, fragte der Barkeeper.

Ratlos betrachtete Frau Baronin das Spirituosenregal.

„Machen wir es einfacher. Was hattet Ihr denn eben?“, fragte der Barkeeper noch einmal.

„Campari Soda“.

„Mit Strohhalm, wa?“

 

Alle Zecher im Hai beobachteten die Szene, einige kicherten. In einer Ecke stand eine junge, sehr betrunkene Frau auf, drängelte sich an den Tresen, knallte Frau Baronin die Hand auf die Schulter und lallte laut:

„Mach dich mal locka. Sonne von und zus wie du komm`n hier öfta!“

Danach war großes Gelächter, der Kreis der Trinker schloss sich, und Gloria vom Geier zu Wittgenstein war endgültig in der Haifisch Bar angekommen.

Ab sofort erzählen wir jeden Samstag eine Geschichte aus der Haifisch Bar. Haben Sie auch eine für uns? Melden Sie sich: haifischbar@ankerherz.de

NEU BEI ANKERHERZ: Klare Kante, die besten Kolumnen von Kapitän Schwandt (manche spielen auch in der Haifisch Bar).

 

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