HALLOWEEN und die bösen Geister von Pegida

Heute ist Halloween, dieses Brauchtum, das von irischen Auswanderern einst in die USA mitgebracht wurde und vor ein paar Jahren nach Europa zurückkehrte. Ich kann mit solchem Schnickschnack wenig anfangen, habe aber gehört, dass Kinder daran Freude haben. Sofern man unseren Lütten auch erklärt, was der Reformationstag bedeutet, dass Ostern nur dekorativ mit Schokoladenhasen zu tun hat und Weihnachten keineswegs von weißbärtigen Senioren in Cola-Lastern erfunden wurde, soll es mir Recht sein.

Zur Halloween-Nacht gehört, dass sich Menschen verkleiden und grauenvolle Dinge von sich geben, um andere zu erschrecken. Dresdner kennen das: Bei denen ist neuerdings jeden Montag Gespenster-Treff für empathisch Zurückgebliebene. Ist eine örtliche Spezialität. In allen anderen deutschen Städten, vor allem im Westen, haben sich „Pegida“-Ableger lächerlich gemacht. Keiner kam. So sollte man „Pegida“ auch behandeln, als lokale Verirrung mit der Zuschauerzahl von Erzgebirge Aue.

Die meisten Reaktionen auf meine „Angst“-Kolumne haben mich gefreut, es gab viel Zuspruch. Natürlich ergriffen auch die „Angsthasen“ im Facebook das Wort. Ein zottliger Typ, der an einer Schifffahrtsschule in Schweden Dozent sein will, benutzte das „A-Wort“, ein anderer schimpfte mich einen „wirren Esel“, jemand meinte, dass mich seine Oma gerne ohrfeigen würde und andere munkelten, dass mich Angela Merkel direkt bezahlt. Jetzt, wo es bekannt ist, kann ich den Tarif für Angie erhöhen.

Die Angsthasen beißen

Dass die Angsthasen beißen würden, war mir klar. Eine Analyse des Bundeskriminalamts hat ergeben, dass zwei Drittel der Täter, die Brandanschläge auf Flüchtlingsheime begangen, keinen Bezug zur rechten Szene hatten. „Angst vor Veränderung“, gaben sie als Motiv an. Ich vermute auch, dass es ein Problem der Bildung ist.

Was ich an primitivsten Vorurteilen in den sozialen Netzwerken lese, ist so abstrus, dass ich mich frage, ob man nur über das Rückenmark eine Tastatur bedienen kann. „Warum tragen die alle Marken-Klamotten?“, fragte einer der AfD-Trolle tatsächlich. Marken-Klamotten, darauf muss man kommen. Und die Augenzeugenberichte, die Facebook-Freunde vom Cousin des Freundes eines Arbeitskollegen gehört haben wollen, stimmen auch nicht: Es gibt keinen Hinweis der Polizei, nicht einen, dass die Verbrechensrate im Umfeld irgendeiner Flüchtlingsunterkunft zunahm. Dass es darin zu Gewalt kommt, ist aus meiner Sicht leicht zu erklären: Hätten Sie mich vor 60 Jahren mit hunderten anderen, entwurzelten Männern in einen Container gesteckt und mir verboten, zu arbeiten, hätte ich irgendwann auch jemandem in die Fresse gehauen.

 

Jürgen Schwandt, Jahrgang 1936, wuchs in Sankt Georg auf. Er fuhr jahrzehntelang zur See und lebt heute in Hamburg. Seine Biographie “Sturmwarnung” gibt es überall im Handel und hier im Online-Shop. Neu ist seine Kolumnen-Sammlung Klare Kante.

Klare Kante, die neue Kolumnensammlung von Kapitän Schwandt.

 

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