Havarie vor Langeoog : Seeleute im Sturm sind keine Sündenböcke

Der havarierte Frachter „Glory Amsterdam“ ist noch nicht freigeschleppt, aber in einigen Zeitungen und in den Sozialen Medien steht bereits fest, wer die Schuld am Unglück trägt: die Seeleute. Die Crew des Frachters und die Männer an Bord des Schleppers „Nordic“ hätten besser handeln müssen, finden tausende Sachverständige in den Sozialen Netzwerken, die quasi über Nacht zu nautischen Experten geworden sind.

Der niedersächsische Umweltminister Stefan Wenzel (Grüne) meldet sich zu Wort und meint, dass die Besatzung des Frachters “zu schlecht ausgebildet” sei. „Ich vermute, dass es hier menschliches Versagen gab, sonst hätte man ja auch nicht Experten übersetzen müssen.“ Wenzel ist von Beruf übrigens Agrarökonom und schrieb seine Diplomarbeit über einen „Vergleich der Pacht- und Bodenpreise in der Europäischen Gemeinschaft.“ Bauer Ahoi?

Seeleute im Sturm sind keine Sündenböcke

Der Inselbürgermeister von Langeoog klagt über „Sicherheitskonzepte“, die geprüft werden müssten und in den Sozialen Medien muss sich besonders die Crew des Schleppers Nordic als „unfähig“, „Trottel“, „Luschen“ oder ähnliches beschimpfen lassen.

Natürlich sind Emotionen im Spiel. Natürlich geht es auf den Inseln, die vom Tourismus leben, um die Existenz, wenn der Frachter auseinander brechen sollte. Es ist verständlich, dass einem Inselbürgermeister der Blutdruck steigt. Doch wem nützt das in der jetzigen Situation? Warum wartet man nicht eine Untersuchung zur Ursache der Havarie ab, bevor Schuldige gesucht werden? Wieso diese Polemik?

Ärger über die Aussage des Ministers

„Mich ärgert vor allem die Aussage dieses Ministers. Bei dieser See und diesem Sturm ist für die Seeleute extrem schwierig, eine Schleppverbindung herzustellen. Wir wissen auch gar nicht, welche technischen Vorraussetzungen an Bord vorhanden sind“, sagt Kapitän Stefan Schmidt aus Lübeck, Ankerherz-Kolumnist, der an der Seemannsschule auf dem Priwall viele Jahre hinweg Schiffsicherheit unterrichtete. „Und eine solche Verbindung im Sturm herzustellen, ist auch extrem gefährlich.“ Er selbst wäre bei einem Schleppversuch vor Japan beinahe einmal ums Leben gekommen, als die Trosse riss. „Von der Couch oder der Amtsstube urteilt es sich sehr leicht. Als ich den Herrn Umweltminister im Radio hörte, dachte ich: ‘Du Idiot’“, sagt Schmidt.

So ist es. Windstärke 11 und acht Meter Welle herrschten am Tag des Unglücks auf der Nordsee. Für den Inselbürgermeister von Langeoog laut FAZ „nicht außergewöhnliches“. Auf der Nachbarinsel Wangerooge hat dieser nicht “außergewöhnliche Sturm” achtzig Prozent eines Strandes weggespült.

Wir würden ihn, Umweltminister Wenzel und den Facebook-Sachverständigenrat gerne einmal auf der Nordsee im Sturm erleben. Vielleicht ändert das die Perspektive.

Stefan Kruecken, Verlagsleitung Ankerherz

 

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