Helden des Alltags: JOHNNY, die Tor-Rakete von Langeoog

DEN BALL FLACH HALTEN

Knapp 2000 Spiele, mehr als 1500 Tore: Jonny Vestering ist so eine Art Messi von Langeoog. Er wird auf der Insel dermaßen verehrt, dass man nicht nur das Stadion nach ihm benannte. Sondern obendrein die Straße dorthin.Hier erzählt er seine Geschichte.

Aufgeschrieben von Kai Schächtele. /// Foto: Alexander Babic.

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Unter meinem echten Namen kennt mich hier auf Langeoog kaum jemand. Der ist Jan-Gerhard Vestering. Als Jonny Vestering dagegen bin ich auf der Insel eine Berühmtheit. Es gibt ein Jonny- Vestering-Stadion und eine Jonnys Straat. Alle Männer in meiner Familie werden seit Generationen Jonny genannt. Gesprochen: Jonnie. Aber ich bin derjenige, der diesen Namen auf die Stadiontafel gebracht hat.

Und darauf bin ich verdammt stolz.

Ich kann mich noch an den Moment erinnern, als diese Ehrung verkündet wurde. Es war im Jahr 1987 nach einem Fußballspiel des TSV Langeoog. Jemand sagte zu mir: .Jonny, wir wollen dir etwas zeigen. Ich wusste von nichts. Dann wurde eine Blechtafel enthüllt mit meinem Namen drauf. Ich war so platt, ich konnte überhaupt nichts sagen. Normalerweise werden Straßen oder Stadien erst etliche Jahre nach dem Tod eines Menschen benannt. Aber die Langeooger haben das gemacht, als ich noch lebte. Sie wollten damit meine Verdienste für den Verein auszeichnen, für den ich spiele, seit ich neun Jahre alt bin.

Fußball ist mein Leben.

Heute kann zwar nicht mehr gut sehen, weil ich seit über zwanzig Jahren eine schwere Augenkrankheit habe, aber mit dem Ball kann ich trotzdem noch umgehen. Meine Stärke war immer meine Schnelligkeit. Wenn der Ball in den Strafraum kam oder der Torwart den Ballfallen ließ: Jonny war zur Stelle. Ich kam aber nicht nur als Stürmer, sondern auch als Verteidiger, Mittelläufer und Torwart zum Einsatz.

Wenn man auf einer Insel Fußball spielt, muss man auf ein paar Besonderheiten achten. Bei Sturm kommt es vor, dass der Torwart einen Abschlag macht, der Ball zehn Meter weit fliegt und dann direkt wieder retours kommt. Bei uns bedeutete das deshalb, dass wir den Ball flach halten mussten. Und es galt bei uns immer eine Regel: Wenn wir die Platzwahl gewinnen, spielen wir mit dem Wind, der Sonne und dem auflaufenden Wasser, also mit der Flut. Das hatte natürlich keinen direkten Einfluss aufs Spiel.

Es war mehr ein Aberglaube, mit dem wir uns motiviert haben.

2000 Spiele. 1500 Tore.

In meinem Leben habe ich etwa 2000 Spiele bestritten und dabei 1500 Tore geschossen. In einer Saison waren es sogar mal fünfzig. Ich war so gut, dass ich, als ich siebzehn war, bei den Herren spielen sollte. Das durfte man aber erst ab achtzehn. Also sollte ich auf den Pass eines anderen spielen. Der hatte allerdings schwarze Haare – ich war blond. Also gaben sie mir ein Shampoo, mit dem ich mir die Haare färben sollte. Und wie der Teufel es will, regnete es an diesem Sonntag. Zum Glück fiel das Spiel aus. Denn mir lief die ganze Suppe übers Gesicht.

Meine Verdienste als Spieler waren aber nicht der einzige Grund, dass man das Stadion nach mir nannte. Es lag auch daran, dass ich schon mit 25 Jahren Trainer der Jugendmannschaften wurde und später auch Spartenleiter. Alle Langeooger, die in den vergangenen 30 Jahren Fußball gespielt haben, habe ich gecoacht. Ein typisches Wochenende sah dann so aus: Am Freitag spielte die B-Jugend, am Samstag die A-Jugend und am Sonntag die Herrenmannschaft, in der ich selbst spielte.

Bei Hochwasser fuhren wir jeweils mit dem Schiff nach Bensersiel, wo ein Bus wartete, der uns zu den Plätzen brachte. Manche waren fünfzig, sechzig Kilometer entfernt, nach den Spielen musste es deshalb oft schnell gehen, um rechtzeitig zum Hafen zurückzukommen. Für viele Kinder wurde ich zu einem guten Freund, weil ihre Eltern nicht mitkamen. Und wenn Not am Mann war, zog ich als Platzwart auch die Linien mit Kreide.

 

Jonny Vestering, Jahrgang 1937, arbeitet heute ehrenamtlich als »Türmer« im Wasserturm, dem Wahrzeichen der Insel Langeoog. Seine Geschichte stammt aus dem Buch INSELSTOLZ, in dem 25 Insulaner vom Leuchtturmwärter zum Inselpolizisten aus dem Leben im Meer erzählen.

 

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