Warum wir uns Alle gegen Hetze in Sozialen Medien stellen müssen

Was tun, wenn Facebook wieder überläuft von Hass, Hetze, Häme? “Gegenhalten!”, sagt der Berliner Autor und Produzent Kai Huemmer. In seinem Gastbeitrag erklärt er, warum wir alle etwas gegen Facebook-Hetzer unternehmen sollten.

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“Ich lese Tag für Tag die Facebook-Posts der (mindestens) rechtspopulistischen Aufpeitscher. Seit über einem Jahr. Stelle fest, dass die Gangart immer rauer wird, Grenzen verschoben werden, Schamgefühl schwindet. Wie gehe ich damit um? Ich kommentiere alles, bei dem meine Zündschnur zu kurz wird.

So oft, dass mich einige meiner realen Freunde bei Facebook in den vergangenen Wochen baten, doch etwas kürzer damit zu treten. Diese rechte Hetze erscheint natürlich dann auch in ihrer Timeline – und viele haben keine Lust, das ständig mitanzusehen.

Für sie ist Facebook ein Ort, an dem sie sich lieber ein wenig ablenken, an dem sie entspannen, statt so einen Unsinn zu lesen.

Wir sind die große Mehrheit

Das kann ich nachvollziehen, deswegen habe ich einige Wochen Pause angelegt. Mit einem letztlich flauen Gefühl, denn: Wir sind eine große Mehrheit. Eine Mehrheit, die rechter Polemik, Hetze bis hin zur Gewaltaufforderung das Feld überlässt, wenn sie schweigt.

Trump, Erdogan, Putin. Ich für meinen Teil habe überhaupt keine Lust, diese Liste zu verlängern und schreibe wieder jeden an. Jeden, der bei Facebook die Grenzen überschreitet. Der nicht mehr diskutieren will, sondern nur noch aufhetzen, anstacheln, zu einem Diskurs gar nicht mehr bereit ist.

Ich bin ein linksgrünversiffter Gutmensch, klar.

Innerhalb eines Jahres bin ich – würde ich den Kommentaren und den Kommentierern auf diesen Seiten glauben – von einem „mittleren Wertkonservativen“ zu einem „linksgrünversifften Gutmenschen“ geworden. „Judenbengel“ fiel auch schon, „Lügenpresse“ en masse. Warum: Weil ich nicht die NPD oder die AfD wähle. Das Prinzip ist immer dasselbe: Es geht nicht um Diskurs, es geht dort einzig darum, das eigene verzerrte Weltbild als „die Wahrheit“ zu verkaufen. Wer mit Fakten dagegen argumentiert, wird hart angegangen.

Beispielhaft ist die Seite des „Kollegen“ Udo Ulfkotte. Er peitscht mit seinen Posts – ca. 20-30 täglich, ein. Thematisch gewinnt man den Eindruck, dass täglich Horden von Flüchtlingen über wehrlose Menschen herfallen und sie abschlachten. Schuld daran ist stets die Kanzlerin, die in den jeweiligen Kommentaren dann auch gern mal brennend an einen Baum aufgeknüpft wird. Zumindest aber regelmäßig als wahnsinnig, unzurechnungsfähig und generell grundboshaft verkauft wird.

Man darf nicht alles sagen. Punkt.

Diese Gruppe von Menschen, die zu keinerlei Diskussion mehr fähig ist, hält sich darüber hinaus auch noch für die große Mehrheit. Das Schlimme daran: Die Schar derer, die jede nicht mehr erreichbar sind, wächst. Und wenn wir nichts dagegen tun, wächst sie weiter. Sie haut Tag für Tag neue Unwahrheiten über Facebook, Twitter und Co. heraus und vermittelt immer mehr Menschen das Gefühl, man dürfe das alles sagen.

Nein, das darf man nicht! Wenn ich im Netz zu Körperverletzung aufrufe, wenn ich Menschen beleidige, herabwürdige – dann ist das ein Fall für Gerichte und keineswegs eine Meinung. Deswegen treibe ich mich dort auch wieder herum. Versuche zu diskutieren. Und melde jeden, der die Grenzen unserer gesellschaftlichen Ordnung (ja, wir haben eine) überschreitet.

Facebook reagiert zu langsam

Ich melde jede Seite, jedes Profil, das eigentlich ein Fall für den Staatsanwalt wäre. Facebook ist bekannterweise beim Sperren von Profilen wegen des Zeigens von 1,2 Nippeln ziemlich fix. Aber auch hier reagieren sie. Langsam. In aller Regel melde ich Profile bis zu 50 mal, dann aber werden sie meist aus dem Verkehr gezogen. Ich rate jedem, macht das auch. Selbst wenn dafür das Nächste Hetzprofil erstellt wird: Wir sind so viel mehr Menschen als die, die da ihr Unwesen treiben. Wenn wir nicht nur dezent wegsehen, sondern uns bei jedem Facebookbesuch 5 Minuten Zeit dafür nehmen, geht den Aufpeitschern ziemlich schnell ihre Grundlage aus.

Und das fänd’ ich ziemlich klasse.”

 

Kai Huemmer, geboren 1967 in Frankfurt/Main, arbeitet als Journalist, Autor und Produzent in Berlin.

 

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