Hörnchen der Hoffnung? Hamburg, da muss mehr kommen!

Als „Horns of Hope“ war die Aktion angekündigt worden, als Zeichen der Solidarität mit den Seeleuten in der Coronakrise. Daraus wurden „Hörnchen der Hoffnung“. Hamburger Hafen, da muss mehr kommen bei der nächsten Aktion! Von Stefan Kruecken, Ankerherz

Schiffshörner sind mächtige Krachmacher, die es seit ziemlich genau hundert Jahren gibt. Damals ließ sich der schwedische Ingenieur Helge Rydberg das Signalgerät unter dem Begriff „Typhon“ patentieren. Schiffshörner warnen vor Nebel und Gefahr, und wenn viele Schiffe zusammen tuten, sorgt das seemeilenweit für Gänsehaut. Hamburger kennen das vom Hafengeburtstag.

Die Idee der „Horns of Hope“, der Hörner der Hoffnung, klingt also vielversprechend. Ausgehend vom Hafen in Dubai griff die Hamburg Port Authority (HPA) die Idee auf: Ein lautes Signal setzen inmitten der Coronakrise. Ein Signal des Zusammenhalts, das bis weit in die Stadt hallen sollte – auch für Seeleute, denen es in der Krise schlecht geht. In Italien singt man gemeinsam Lieder vom Balkon, in Liverpool und anderswo ist die Hymne „You´ll never walk alone“ in diesen Tagen besonders beliebt, in Bochum läuft der ewige Song von Herbert Grönemeyer.

Hamburg hat die Schiffshörner, das macht Sinn.

Wir fuhren also in den Hafen, in die Herzkammer gewissermaßen, an den Burchardkai. Wir warteten Punkt 18 Uhr ab, wie angekündigt, und hörten: nichts. Wir prüften die Uhr und warteten und wunderten uns, doch über den Kais und Kränen nur: lautes Schweigen.

Im Hafen nur lautes Schweigen

Ich rief einen Freund an, der im Hafen einen Kran bedient, er musste es gehört haben. Kein Tönchen hatte er vernommen, niemand auf seiner Schicht. Weitere Anrufe ergaben, dass die Cap San Diego, das historische Schiff an der Überseebrücke, einen einsamen Ton abgab. Vom Halunder Jet, der in der Coronakrise nicht rüber nach Helgoland darf, wurde auch getutet. Das war es dann aber.

In anderen Häfen, wie in Warnemünde, soll mehr losgewesen sein, wie ich über Facebook erfuhr. In Cuxhaven gab die Helgoland-Fähre MS Helgoland ihr Bestes, ebenso wie der Seenotrettungskreuzer. Auf Deutschlands Seenotretter ist eben immer Verlass.

In Hamburg aber wurden aus den „Horns of Hope“ die „Hörnchen des Schweigens“. Eine Nachfrage bei der Hamburg Port Authority konnte nicht wirklich klären, was das Problem war. Hatten die Kapitäne die Aufforderung versäumt? Angeblich waren die Schiffe über den UKW-Hafenfunk informiert worden. „Es wurde getutet, aber sehr unterschiedlich in den verschiedenen Hafenbereichen“, schrieb ein HPA-Sprecher. „Sehr eindrucksvoll soll es an der Schlepperbrücke gewesen sein.“

Horns of Hope waren nicht zu hören

Nun, eindrucksvoll war da mal gar nix. Wenn man als Hafen „Horns of Hope“ ankündigt, darf man davon ausgehen, dass die Wände der Elbphilharmonie wackeln, oder? Sollte eine Neuauflage für kommenden Freitag geplant sein, brauchen die Schiffshörner ordentlich Druck.

Sonst hat die Aktion auch eine Symbolik, aber eine andere, als man beabsichtigt. Seeleute, denen die Idee der Aktion ja auch galt, schuften in der Coronakrise besonders hat. Auf fast allen Schiffen wurden die Crew-Wechsel von den Reedereien verschoben. Manche Seeleute sind seit neun oder mehr Monaten an Bord. Mehr als hunderttausend Seeleute sitzen nach Schätzungen in den Häfen fest, weil sie mangels Flügen und wegen geschlossener Grenzen nicht nach Hause kommen. Sie machen sich Sorgen um ihre Familien daheim – und sorgen dennoch jeden Tag dafür, dass unsere Regale gefüllt sind.

Vergessen werden sie trotzdem häufig.

 

Stefan Kruecken, Jahrgang 1975, leitet mit seiner Frau Julia den von ihnen gegründeten Ankerherz Verlag. Vorher war er Polizeireporter für die Chicago Tribune und arbeitete als Reporter für Zeitschriften wie max, Stern und GQ von Uganda bis Grönland. Vor kurzem erschien sein neues Buch „Kapitäne!“

 

0 comments