HÖRT AUF MIT DEM TERROR-PORNO

In einem Nahverkehrszug von Hamburg-Harburg Richtung Bremen, nach der Station Lauenbrück. „Achtung, sind Polizisten an Bord? Dann bitte dringend in Wagen 3“, ruft eine Frauenstimme durch die Lautsprecher. Sofort springt das Kopfkino an, ob man das will oder nicht, es ist nun an. Wagen 3? Polizei? In den Gesichtern der anderen Passagiere ist zu erkennen, dass sie ähnliche Gedanken beschäftigen – und man muss sich zur Ordnung rufen.

Terror in Lauenbrück? Wohl kaum.

Doch es ist nun da, diese mulmige Gefühl, diese Angst. Acht Terroristen haben geschafft, jeden zu Menschen in Europa und darüber hinaus emotional aus der Balance zu bringen. Und eigentlich darf genau das nicht geschehen.

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Die Angst aber ist nicht nur existent, sie wird auch gefördert, sie wird geschürt und kultiviert, durch eine durchgedrehte Medien-Welt, die sich darin überbietet, sie weiterzutreiben. Fast hat es den Anschein, als werde der vereitelte Anschlag von Hannover schmollend zur Kenntnis genommen: Wir wollen bitte auch unseren eigenen Terror! Medien wie Focus Online, die für steigende Klick-Zahlen Würde und journalistische Standards opfern, setzen Falsch-Meldungen in die Welt. Auf „Stern.de“ hastet ein atemloser Reporter in einem Kauderwelsch aus Englisch und Deutsch hinter  Polizisten her und dreht, was der Medien-Journalist Stefan Niggemeier treffend „Terror-Porno“ nennt. Bild.de vollendet mit stündlich wechselnden Horror-Szenarien zwischen Bomben und Giftgas, was die Terroristen in Paris begannen, und Stefan Aust von der “Welt” ruft konsequenterweise gleich den Dritten Weltkrieg aus.

Wir sind Angst.

Gut für die Auflage, gut für die Klick-Zahl. Aber sonst? Wenn die Satire-Seite “Postillon” vermeldet, dass sich der IS für die Verbreitung von Angst und Schrecken bedankt, kann man darüber kaum noch lachen. Es ist leider wahr.

Terror-Porno

Warum aber betrachten wir in einer solchen Krise nicht verstärkt auch jene Menschen, die Beispiele dafür sind, wie eine Ausnahme-Situation das Beste im Menschen befördert? Den jungen Mann, der sich heldenhaft vor eine Schwangere wirft, um sie zu schützen (und dabei sein eigenes Leben verliert.) Den Hausmeister, der unter Lebensgefahr eine Tür aufschließt und damit Dutzende rettet. Die Polizisten, die nicht aufs Sondereinsatz-Kommando warten, sondern einen Angreifer selbst erschießen. Der junge Witwer, der sich in einem offenen Brief an die Mörder seiner Frau wendet und ihnen sagt, dass sie nicht gewinnen werden. Seine Geschichte verbreitet sich in den sozialen Medien, nicht in den etablierten.

Der IS-Terror ist eine große Gefahr, keine Frage. Wir müssen Antworten darauf finden und diese Bedrohung aggressiv und schnell bekämpfen. Am Ende aber waren es in Paris acht Loser, acht bislang kleinkriminelle Versager, Verlierer mit einem verkackten Weltbild, die uns mehr Angst machen, als sie es verdienen. Wenn wir ihre Taten überhöhen, wenn wir es zulassen, dass sie uns lähmen, dass sie Macht über uns bekommen, spielen wir ihnen in die Hände – und sorgen obendrein dafür, dass sich noch mehr dieser Versager berufen fühlen, es ihnen gleich zu tun. Ich möchte mehr von Helden lesen, die für eine Gesellschaftsform stehen, die nicht verlieren wird, weil sie nicht verlieren kann. Und die keine Angst braucht, sondern Vorsicht und Klarheit.

 

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Stefan Kruecken, Jahrgang 1975, leitet mit seiner Frau Julia den von ihnen gegründeten Ankerherz Verlag. Vor der Verlagsgründung berichtete er als Reporter für Magazine wie max, Stern oder GQ weltweit.

 

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