“I am Johnny Cash” – das Leben des “Man in Black”

Kaum einen Künstler umgibt etwas so Ikonenhaftes wie Johnny Cash, den Sänger, Rebellen, den „Man in Black“, der sich für Ausgestoßene einsetzte. Eine neue Dokumentation versucht nun das Unmögliche: das aufregende Leben Cashs in 83 Minuten einzufangen. Es ist ein Mix aus Originalaufnahmen, privaten Schmalspurfilmen, aus Fotos und Interview-Sequenzen mit Wegbegleitern. „Für mich gehört sein Gesicht auf den Mount Rushmore“, sagt Kris Kristofferson.

Der Film erzählt in atemlos von einer Karriere, die auf einem Baumwollfeld in den Südstaaten begann. Armut, harte Arbeit, die nur wenig gelindert wurde, in dem die Familie Gospel-Lieder sang. Der Unfalltod von Cashs Bruder kommt zur Sprache, nach dem sein Vater zu ihm den grausamen Satz sagte: „Es hättest du sein sollen“. Cashs Aufstieg zum internationalen Superstar, die sich nicht mit dem Familienleben eines vierfachen Vaters vertrug. Seine Tablettenabhängigkeit, die zur Verhaftung in El Paso führte. Die Zweifel, die Zerrissenheit.

Johnny Cash – eine wilde Reise

Cashs Leben war eine wilde Reise. Natürlich gehören die legendären Konzerte in den Gefängnis Folsom Prison und San Quentin dazu, und der Film erklärt die Sympathie für die Menschen am Rande der Gesellschaft. Eine Haltung, die Millionen Menschen inspirierte. (Unserem Kapitän Schwandt, ein Verehrer von Cash, war es mit 79 Jahren ein Anliegen, ähnlich wie Cash die Insassen des Hamburger Hochsicherheitsgefängnisses „Santa Fu“ zu besuchen.)

Cashs Gabe, „eine Stimme des Volkes“ zu sein, wurde bewundert von Musikern wie Bob Dylan, der in seiner Verehrung für Cash wie ein kleiner Junge wirkt. Er war die Stimme des Volkes, ohne populistisch zu sein; er war konservativ, und doch liberal. Er war gläubig, ohne bekehren zu wollen. Er gab vielen eine Stimme, und hörte doch immer auf die eigene. Erst, als diese Stimme verstummte, begannen die Probleme.

Der langsame Abstieg

Was in den späten 1970er Jahren folgte, war der jahrzehntelange Abstieg in die Bedeutungslosigkeit: Keine Fans, winzige Hallen, seltsame Songs. Die Plattenfirma, der er Millionen Dollar eingebracht hatte, ließ ihn fallen. Cash hatte sich verloren, und erst dem Produzenten Rick Rubin gelang mit den „American Recordings“, dem vielleicht größten Comeback in der Geschichte der Musik, die Wende. Beim Song „Hurt“, in dem Cash mit größter Bitterkeit auf sein Leben zurückblickt, stehen einem Tränen in den Augen.

Dies ist das Besondere an der Dokumentation: Sie hinterlässt eine Melancholie und sie regt dazu an, sich selbst zu hinterfragen.

In der Nacht, in der ich „I am Johnny Cash“ sah, konnte ich nicht schlafen und schaltete „Supersonic“ an, eine Dokumentation über den Aufstieg von Oasis. Ich habe nach einer Viertelstunde ausgemacht. Gegen Cash wirkten die Gallagher-Brüder wie verwöhnte, langweilige Prolls ohne Auftrag.

 

„I am Johnny Cash“ gibt es im Download auf vielen Plattformen, und auch auf DVD.

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