INSELSTOLZ: der Robbenflüsterer von Helgoland

Schöne Nachrichten von Helgoland: 317 Kegelrobbenjungen wurden dort gezählt. Ein Rekord – so viele, wie nie zuvor. Noch Ende der 1970er Jahre galt die Art als ausgestorben. Nun haben sich die Bestände dank der Schutzbestimmungen  erholt. Keiner kommt den mächtigen Tieren von Helgoland so nah wie Rolf Blädel, der “Robbenflüsterer”. Einige von ihnen scheinen den früheren Inselpolizisten für einen Verwandten zu halten…

Lest unsere (stark gekürzte) Geschichte aus dem Buch INSELSTOLZ, mit den interessantesten Menschen von Deutschlands Nordsee-Inseln. Auch als Hörbuch zu haben, gelesen von Axel Prahl & Katharina Thalbach.

 

Namen gebe ich ihnen nicht, aber einige kenne ich ziemlich gut. Etwa den schwarzen Bullen, der jedes Jahr im Frühsommer auftaucht und nach kurzer Zeit wieder verschwindet. Oder das Weibchen, das jetzt schon vier Mal ihre Jungen hier zur Welt gebracht hat. 2009 lag sie an der Aade, im Ostteil der Düne; 2010 am Dünendamm; 2011 neben der Landebahn des Flughafens und 2012 auf der Landebahn.

Und da ist das Weibchen, das ich zum ersten Mal sah, als es drei oder vier Jahre alt war. Es hatte ein Plastikband, mit dem Zeitungspakete verschnürt werden, über Kopf und Flosse. Die Flosse war bereits tief eingeschnitten. Sie robbte zu mir heran und legte sich vor mich. Erst war sie noch hyperaktiv, aber als ich anfing zu schneiden, wurde sie ganz ruhig. Kann sein, dass ich das Plastikband sogar noch im Rucksack habe.

Ich habe mit der Robbe geredet

Meine rührendste Begegnung hatte ich vor einigen Jahren. Ich fand ein Jungtier, wieder ein Weibchen. Es lag am Strand, total abgemagert, das Fell hatte es bereits verloren. Es sah nicht so aus, als würde es die nächsten Monate überleben. Aus dem Bestand nehmen wollte ich es aber auch nicht. Ich habe mich zu ihr gesetzt und mit ihr geredet. Dummes Zeug halt, das sie beruhigen sollte. »Feine, feine. Das machst du schon.« Ich dachte, sie versteht mich sowieso nicht. Irgendwann war sie weg. Im Jahr darauf war sie wieder da. Fett und kerngesund mit einem schönen schokoladenbraunen Fell. Sie lag im Sand und schlief. Ich ging auf sie zu und sagte: »Na, meen Deern, kommste mich mal wieder besuchen?« Da robbte sie zu mir heran, strich mit ihren Barthaaren über meinen Unterarm und legte sich über meine Füße.

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Das waren Geschichten von Kegelrobben, Halichoerus grypus. Kegelrobben gehören zur Familie der Hundsrobben. Der Name kommt nicht von der Form des Kopfes, wie häufig behauptet wird, sondern von ihren kegelförmigen Zähnen. Neben den Kegelrobben haben wir auf Helgo- land aber auch Seehunde. Phoca vitulina. Seehunde gehören zur selben Familie wie die Kegelrobben, sind aber kleiner, ihr Kopf ist rund und ihr Fell ist in der Regel dunkler und unregelmäßig gefleckt. Auch an den Nasenlöchern kann man sie unterscheiden: Seehunde haben herzförmige Nasenlöcher, bei den Kegelrobben verlaufen sie waagrecht und geradlinig.

Ich kam 1979 als Polizist auf die Insel. Von Kegelrobben und Seehunden wusste ich damals wenig. Wenn ich glaubte, einen großen Seehund gesehen zu haben, war es meist eine Kegelrobbe. Direkten Kontakt zu einem Seehund hatte ich erstmals 1989. Am Nordoststrand von Helgoland lag ein junger Bulle, der krank zu sein schien. Ich brachte ihn mit dem Boot nach Friedrichskoog, wo sich herausstellte, dass ihm doch nichts fehlte. Einige Monate später hatten wir den ersten Fall von PDV. Das ist die Abkürzung für Phocine distemper virus. Gemeint ist eine Abart der Hundestaupe. 75 Tiere starben daran. Die mussten natürlich von der Insel gebracht werden, was in meine Zuständigkeit als Polizist fiel. Der Bürgermeister wollte mir als Anerkennung für die Arbeit für jeden entsorgten Seehund eine Flasche Schnaps spendieren. Ich sagte: »Behalt du deinen Schnaps, und sorge dafür, dass ich als Seehundjäger bestellt werde.«

Ich gewährleiste den Schutz

So wurde ich Seehundjäger Nummer 848, registriert beim Kieler Landwirtschaftsministerium. Der Begriff Seehundjäger ist zunächst irritierend. Aber gelten als jagdbares Wild. Jahrhundertelang stellte man ihnen rigoros nach. Man aß ihr Fleisch, kochte den Tran und gerbte das Fell. Bei Ausgrabungen in Nordfriesland wurden haufenweise Knochen von Seehunden und Kegelrobben gefunden. Seit 1974 sind die Seehunde geschont, die Kegelrobben stehen unter Artenschutz, man darf sie weder stören noch vertreiben.

Meine Aufgabe ist es, die Kolonien zu betreuen und ihren Schutz zu gewährleisten. Ich schaue nach ihnen, ich markiere die Jungtiere und bin zuständig, wenn ein Tier krank oder gestorben ist. Todesfälle an Land betreffen meistens Seehunde. Kegelrobben machen das Sterben mit sich selbst im Meer aus. 2002 hatten wir noch einmal ein Problem mit PDV. Da starben 450 Tiere. Das nimmt einen schon mit, wenn man die vielen Kadaver sieht.

Seit 2002 sind zum Glück keine Seuchen mehr aufgetreten. Derzeit leben auf der Helgoländer Düne etwa 1400 Tiere, der Anteil von Seehunden und Kegelrobben hält sich in etwa die Waage. Vor allem der Bestand der Kegelrobben hat sich prächtig entwickelt. Seit 1998 bringen sie auf der Düne ihre Jungen zur Welt. Das geschieht zwischen No- vember und Januar. Wenn sie geboren werden, wiegen die Robbenbabys etwa zehn Kilogramm, durch die extrem fetthaltige Muttermilch entwickeln sie schnell eine dicke Speckschicht. Nach dem ersten Fellwechsel, bevor sie zum ersten Mal ins Meer gehen, sind sie bereits fünfzig Kilogramm schwer.

Helgoland ist besonders

Nirgendwo in Europa kommt man den Tieren in freier Natur näher als auf der Helgoländer Düne. Aber Vorsicht! Näher als dreißig Meter sollte man ihnen nicht kommen. Vor allem den Weibchen, die Junge haben. Kegelrobben sind die größten Raubtiere, die wir in unseren Breiten haben, das vergisst man, wenn man sie so niedlich im Sand liegen sieht. Wenn die zubeißen, ist das kein Spaß. Und man sollte nicht glauben, sie seien plumpe, unbewegliche Speckbrocken. Im tiefen Sand oder auf Kies läuft niemand einem wütenden Kegelrobbenweibchen davon. Einmal konnte ich mich vor einem ausgewachsenen Bullen nur durch einen Hechtsprung in die Dünen retten. Ich schätze, der hatte gut und gerne 300 Kilogramm. (…)

 

Rolf Blädel, geboren 1951, war Polizist auf Helgoland und ist seit 2006 in Ruhestand. Er ist verwitwet, hat zwei erwachsene Töchter und lebt einem der ersten Häuser, die 1954 im Unterland beim Wiederaufbau entstanden.

 

Lest die ganze Geschichte in unserem Buch INSELSTOLZ, mit den interessantesten Menschen von Deutschlands Nordsee-Inseln. Auch als Hörbuch zu haben, gelesen von Axel Prahl & Katharina Thalbach.

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