TÜTE – UNSER MANN AUF BALTRUM: INSELWINTER

Dass der Winter kommt, erkennt man bei uns auf Baltrum nicht am Zug der Vögel oder den Stürmen, die über die Insel fegen. Man erkennt es daran, dass das Hämmern und Bohren lauter wird.

Denn Winterzeit ist auf den Inseln Renovierungszeit. Baukräne werden aufgestellt, Radlader transportierten Material von A nach B, alles muss wieder in Schuss gebracht werden. Und das möglichst schnell. Denn wir Insulaner dürfen nur vom 1. Oktober bis zum 30. April werkeln. Dann ist wieder Bausperre. Kann man sich ein bisschen vorstellen wie Stopptanz – So wie’s zu diesem Zeitpunkt ist, muss es dann (zumindest offiziell) bis zum nächsten Winter bleiben.

WAS MACHT IHR IM WINTER? GELD ZÄHLEN!

Bei uns laufen die Arbeiten erst seit einer Woche. Während die meisten Hotels und Pensionen der Nachbarschaft bereits Anfang Oktober geschlossen haben, halten wir mit dem Skippers Inn die Stellung. Bis in die zweite Novemberhälfte haben wir geöffnet, unsere Wohnungen bieten wir sogar das ganze Jahr über zur Vermietung an. Viele unserer Gäste fragen uns, bevor sie abreisen:

„Was macht ihr eigentlich im Winter?“

„Geld zählen, was sonst?“ antworte ich dann.

Aber damit geben sie sich natürlich nicht zufrieden. Überwintert ihr im Süden? Habt ihr ein Haus auf dem Festland? Oder starrt ihr bis zum Frühjahr aufs Meer und geht vor Langeweile ein?

Da schwingt eine große Portion Sorge mit. Deshalb, liebe Festländer, seid beruhigt: Der Winter ist klasse auf der Insel! Er hat seinen ganz eigenen Charme. Man muss diese Stimmung nur anzunehmen wissen. Gestern habe ich zum Beispiel die Sauna im Keller umgebaut. Im Anschluss wollte ich eigentlich direkt die Gipskartondecke für die neue Spülmaschine anheben, aber schon bekam ich Besuch von Pa Dalton, der vorbeikam, um zu schauen, ob er Material aus der Sauna gebrauchen kann. Und für Besuch haben wir jetzt Zeit. Also: Kaffee aufsetzen und erstmal in Ruhe eine Runde schnacken.

DER BALTRUMER NEIGT ZUM HORTEN

Auch bei Nachbar Wilfried wird gerade gebaut. Eine neue Wohnung. Da kommt natürlich der alte Bauleiter in mir durch und ich husche schnell rüber und sehe nach dem Rechten. Genau wie Pa Dalton bei mir habe auch ich bei Wilfried immer ein Auge darauf, ob nicht noch das ein oder andere ausgemusterte Teil zu gebrauchen ist. Das geht uns hier allen so: Weggeschmissen wird ungern, schließlich wurde das ganze Zeug mal mühevoll auf die Insel geschafft. Die meisten Bauteile wechseln deshalb etliche Male den Besitzer. Das artet hier und da jedoch in echte Sammelwut aus. Manche Männer haben von ihren Frauen mittlerweile das Verbot auferlegt bekommen, von den Baustellen der Nachbarn Material anzuschleppen.

Aber auch abseits der Baustellen gilt: Der Winter ist die Zeit, in der wir Insulaner wieder mehr in die Gemeinschaft investieren können. Nach getaner Arbeit kommen Wilfried und Pa Dalton im Skippers vorbei, um ein paar Gläschen Pils zu trinken. Schließlich wissen sie, dass wir noch ein Fass am Hahn haben. Und das muss weg! Da helfen sich echte Nachbarn.

Auch in der Familie wird es beschaulicher: Endlich können wir mit den Kindern in aller Ruhe vorm Kamin Abendbrot essen, ohne dass jemand eilig weg muss. Mein kleiner Hund Idefix bekommt ungewohnt lange Strandspaziergänge geboten. Und auch das Leben im Kultur- und Sportverein wird wieder bunter. Neben den üblichen Angeboten wie Fußball und Badminton gibt’s jetzt so exotische Kurse wie Line-Dance und Zumba. Außerdem bereiten wir uns auf den Nikolaus-Ball vor, der traditionell am ersten Samstag nach dem 6. Dezember gefeiert wird. Alles, was Rang und Namen hat auf Baltrum, trifft sich dann im Strandhotel Wietjes zum Abschluss der Saison. Dafür machen sich alle schick. Die Männer erscheinen in Anzügen, die Damen in hübschen Abendkleider. Zum ersten Mal dürfen dann auch die Zehntklässler dabei sein. Immer wieder ein toller Anblick, wenn die jungen Debütantinnen in ihren Kleidern und die Jungs in ihren Anzügen durch den Saal schreiten. Hierfür wird sogar extra in der Schule tanzen geübt.

Und am Ende des Abends, sozusagen als Abschluss, gibt’s einen großzügigen Schluck Brennivin. Dann wird’s nicht nur lustig – sondern auch wieder warm.

„Tüte“ Schmiegel, Jahrgang 1965, ist gelernter Architekt, ehemaliger Surflehrer, Harley-Fahrer, Johnny-Cash-Fan und Betreiber des „Skippers Inn“ auf Baltrum.

 Tütes Geschichte lesen Sie auch im gerade erschienenen Buch Inselstolz.

5 comments

Ich fahre seit Jahren rund ums Jahr auf "meine Insel" Baltrum, und der Winter ist definitiv eine der schönsten Jahreszeiten dort! Es wird zwar gebaut, aber "Baulärm" - damit kann Dornröschen auch in der Bausaison kaum dienen. Es ist noch friedlicher als sonst dort und bei Edeka freuen sie sich über jeden Gast - denn "ohne" ist es selbst den Insulanern fast langweilig (Zitat)!
Nobby on Dez 19 2013
4 Wochen noch und das Jahr ist zu Ende. Leute, wie die Zeit vergeht. Ein Winter auf Baltrum ist wirklich zu empfehlen. Absolute Ruhe, vom gelegentlichen Baulärm mal abgesehen, den Strand hat man fast für sich alleine. Bis bald Gruß Andreas
Andreas Lill on Dez 01 2013
Wir sind mit ihm mit dem Motorboot rausgefahren. Es hatte gefühlte minus 15 Grad, wir foren wie die Schneider. Und Tüte? Wie immer. Unglaublich...
ankerherz on Nov 28 2013
Bei all der Sammler-Leidenschaft: wechseln die Partner denn auch oft den Besitzer? (sollte ein Gag sein) Jack Sparrow
Jack Sparrow on Nov 28 2013
Mit klarem Blick sehe ich, daß Tüte nur oberhalb der Hüfte Wärme benötigt! Da kommen die strammen Wadeln so richtig zur Geltung ;))
Ulrike Siebert on Nov 28 2013

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