MEER GLÜCK: Die Juist-Fähre rüber ins Glück.

Für den normalen Besucher der Insel Juist gehört die Überfahrt mit der Fähre quasi schon zum Urlaub dazu. Mit dem Kauf der Fahrkarte geben sie nicht nur eine ordentliche Summe Geld ab, sondern anscheinend auch ihre Alltagssorgen und Probleme des täglichen Lebens. Wie ich immer wieder gehört habe, ist der erste Schritt auf den giftgrün gestrichenen Metallboden des Schiffes, das einen übers Wattenmeer nach Juist bringt, wie ein Schalter, der im Gehirn umgelegt wird: Jetzt beginnt die schönste Zeit im Jahr.

Wenn man allerdings auf der Insel lebt und die Fähre eben aus ganz anderen Gründen nimmt – sei es zum Arztbesuch, mal eine ordentliche Shoppingtour unternehmen oder Freunde auf  dem Festland zu treffen – dann empfindet man die meist über 1 ½ Stunden an Bord ohne die touristische Brille als eine zähe Masse Zeit, die sich dehnt und gegen ihr eigenes Ende zu wehren scheint. Das kaffee-ähnliche Gebräu und die Pappbrötchen machen den Aufenthalt nun wirklich auch nicht lohnenswerter; die Luft unter Deck ist fast immer überheizt. Draußen an Deck im Nieselregen zu frieren und darauf zu warten, dass Juist endlich im Nebeldunst auftaucht, wird mit den Jahren auch immer unspannender.

Die Juist-Fähre rüber ins Glück.

Dennoch gibt es so viele Menschen, die diese eher unbequeme, tideabhängige Anreise einfach gerne in Kauf nehmen – die mit Vorfreude in den Gesichtern auf den gepolsterten Bänken sitzen und ganz gelassen ihre Kinder über den abgegrabbelten Teppich toben und krabbeln lassen.

Was macht diese Insel so besonders? Warum berührt Juist die Herzen der Menschen? Wieso sieht man in ihr so viel mehr als Sand, Dünen, Pferde und Möwen?

 

Im Grunde genommen kann man es nur selber erleben – und sich gefangen nehmen lassen von Juist – oder eben nicht. Juist kann man nur lieben oder hassen: so „ein bisschen schön finden“, das geht bei der Insel nicht. Sie polarisiert und dieses Phänomen fand ich schon immer faszinierend – kannte es bisher allerdings nur bei Menschen. Juist ist für mich der einzige Ort, der es auch schafft.

Juist ein bisschen schön? Das geht nicht.

Ist man einmal „infiziert“, dann stellt sich eben dieses spezielle Juist-Gefühl ein: es ist, als würde die Seele nach Hause kommen – als käme man nach einem langen Bad im eiskalten Meer aus den Wellen und würde von einem warmen, weichen Handtuch eingehüllt – als hätte Geborgenheit, Vertrauen und Sicherheit plötzlich eine neue Überschrift.

Es mag abgedroschen klingen, aber Juist heilt, Juist hält einem vor Augen, was wichtig ist, worauf es ankommt – und wenn man am Strand steht,schämt man sich fast für jede Minute Wut, Aufregung und sinnloses Denken.

Dieses Meer-Glück macht süchtig. Ist man nicht dort, dann funktioniert man – ohne Frage – aber in einem schlägt immer die Sehnsucht. Bis zum nächsten Mal, wenn man wieder die Juist-Fähre besteigt.

 

UTA JENTJENS, JAHRGANG 1974, LEBTE 16 JAHRE LANG AUF DER INSEL JUIST. HEUTE WOHNT SIE MIT IHREN BEIDEN KINDERN IM SÜDEN VON HAMBURG. AB SOFORT SCHREIBT SIE IM ANKERHERZ-BLOG MEER GLÜCK ÜBER IHR LEBEN MIT UND OHNE DIE NORDSEE.

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