Käpt’n Charly: Mann über Bord!

Ich war 16 Jahre, als ich zum ersten Mal erleben musste, wie ein Mann über Bord ging. Im Januar 1955 hatte ich als Leichtmatrose auf der „Bayern“ angeheuert, einem großen Fischdampfer mit 21 Mann Besatzung, der von Cuxhaven für eine dreiwöchige Fangtour nach Norwegen ablegte. Am sechsten Tag unserer Reise, wir befanden uns in der Nähe von Tromsö beim Malangenfjord, gerieten wir in ein Unwetter.

Der Wind wehte mit Stärke Acht von Nordwest und peitschte uns den Schnee wie eiskalte Nadeln ins Gesicht. Die „Bayern“, ein Seitenfänger, lag quer zum Wellengang. Wir hatten das Fanggeschirr gerade nach Steuerbord ausgeworfen, als ein Querläufer von hinten über das Deck schlug. „Festhalten!“, hörte ich noch einen Kameraden brüllen, doch es war zu spät. Die Welle riss einen Mann mit. Fassungslos starrte ich auf die Stelle, an der er gerade noch gestanden hatte.

„Da! Da ist er! Schnell! Den Rettungsring!“, schrie jemand. Ich drehte meinen Kopf. Im Wasser trieb einer der älteren Matrosen, ein kräftiger und erfahrener Seemann Anfang Fünfzig, ein Familienvater. Ich kannte ihn seit kaum einer Woche, und doch hatte ich das Gefühl, dass seine aufgerissenen Augen nur mich anstarrten. Lautlos formte sein Mund noch Worte, während ihn die Wellen langsam mitnahmen.

Rettungsring!

Der Moment, in dem ein Seitenfänger Luv, also an der dem Wind zugewandten Seite des Schiffes, die Netze auswirft, ist gefährlich. Solange das Fanggeschirr nicht komplett gesetzt ist, muss die Maschine ausbleiben. Die Netze würden sich sonst in der Schraube verfangen. Wir schmissen dem Matrosen einen Rettungsring zu. Selbst in das Meer zu springen, wäre Wahnsinn gewesen. Die Sicherheitswesten, die heute jeder an Bord trägt, wurden erst später zur Pflicht – als eine  Konsequenz aus diesen grausamen Schicksalsschlägen. Wir mussten also das Netz einholen. Jeder an Bord reagierte sofort, Hände griffen perfekt ineinander, alles geschah in einem unglaublichen Tempo.

Trotzdem hatten wir den Kameraden schon lange aus den Augen verloren, als wir damit begannen, gemeinsam mit Besatzungen anderer Fischdampfer, die wir über Funk verständigt hatten, die See abzusuchen. Was sich für mich wie Minuten angefühlt hatte, hatte eine gute halbe Stunde gedauert. Wir hatten unser Bestes getan, das weiß ich. Schneller wäre es einfach nicht möglich gewesen, dennoch drückte die Schuld schwer auf meinen Brustkorb. Die alten Matrosen an Bord erklärten uns im barschen Ton, dass bei diesem Wetter nach dreißig Minuten jede Hoffnung sinnlos sei. Wir suchten sechs Stunden lang.

Und dann – so unfassbar es mir damals erschien – ging das Leben weiter, als sei nichts geschehen. Der Käpt’n hielt eine kurze Ansprache und teilte neu ein. Das war es. Die folgenden zwei Wochen arbeiteten wir, fingen, schlachteten und schliefen. Die See hält einen von der Trauer fern. Nur während des Essens erinnerte uns immer wieder der leere Platz am Tisch mit gespenstischer Stille an den verlorenen Kameraden.

Das Leben geht weiter.

In Cuxhaven empfing mich meine Mutter, schloss mich in die Arme und spürte sofort, dass etwas nicht stimmte. „Ein Mann ist über Bord gegangen“, sagte ich ihr mit gebrochener Stimme. Mehr konnte ich nicht sagen. Mehr gab es auch nicht. Das Leben geht weiter. Immer. So wurde es uns beigebracht. Der Blick meines Kameraden brannte mir allerdings auf ewig ein: Eine Hand für das Schiff, die andere für dein Leben. Seemänner passen aufeinander auf und hoffen nach jedem Brecher, der über das Schiff schlägt, keinen Freund verloren zu haben.

 

– Charly Behrensen, 75, war Hochseefischer. Der Vater von fünf Kindern verstarb im Mai 2015 in seiner Geburtsstadt Cuxhaven. –

 

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