Käpt’n Charly: Das Meer hat mir Frieden gegeben

Manche Menschen behaupten, Seemänner seien die „Stiefkinder des Lebens“. Das stimmt nicht. Natürlich, das Leben an Land zieht an einem vorbei, und es blieb wenig Zeit für die Familie. Allerdings habe ich während der 43 Jahre, die ich Fischer war, auch sehr viel bekommen. Ich erlebte einzigartige Kameradschaft und viele Abenteuer, vor allem aber lernte ich etwas Elementares.

Meine Fangtouren dauerten meist 20 Tage. Liefen wir in Cuxhaven ein, hatten wir in der Regel 48 Stunden, bis die Trawler wieder ablegten. Hinzu kamen 18 Tage Urlaub im Jahr. Viel Zeit an Land blieb uns also nicht, und die musste gut genutzt werden. Nachdem wir unsere Ladung gelöscht hatten, besuchten wir als erstes unsere Familien, unsere Frauen.

Am nächsten Morgen marschierte ich immer pünktlich um elf zum Lohnbüro, um meine Heuer zu kassieren und damit in der nächsten Kneipe zu verschwinden. Die Damen standen hinter dem vergitterten Eingangstor, weil sie keinen Zugang zum Gelände hatten, und versuchten lautstark das Geld in Sicherheit zu bringen, bevor es ihre Ehemänner in Bier und Schnaps umsetzen konnten. Oft gab es Wettläufe vom Heuerbüro zum Hafentor – die Fischer wurden von ihren schimpfenden Ehefrauen verfolgt. (Die Geschichte des „Handtaschengeschwaders von Cuxhaven“ist im Buch ORKANFAHRT nachzulesen.)

Bier oder Zahnarzt? Bier.

Dass Fischer immer soffen, ist jedoch ein Gerücht. Das taten wir, wenn wir an Land waren. Auf See arbeiteten wir, oder wir schliefen, mehr nicht. Ich genoss in den Hafenschänken die Gespräche mit meinen Freunden. Wir holten nach, was wir auf See verpasst hatten. Die meisten Seemänner hatten schlechte Zähne, weil sie nicht zum Arzt gingen. Man musste sich eben entscheiden: Ein Bier mit den Kumpels, oder das dentale Desaster? Uns fehlte für viele Dinge die Zeit, und trotzdem hatten wir soviel von ihr, wie sich heute kaum noch jemand vorstellen kann.

Ich sah es bei meinen Kindern, die sich alle gegen ein Leben auf See entschieden haben, und jetzt bei meinen Enkeln. Heutzutage sind viele Menschen getrieben, immer in Bewegung – viel zu schnell. Wie ein Stein, der nur über die Wasseroberfläche springt und keine Ruhe findet, auf den Grund zu sinken. Zerstreuung ist überall. Früher passierte es kaum, dass man vor dem Fernseher saß und seine Zeit verplemperte. Heute haben die Kinder Computer, Handys und sind ständig abgelenkt. Überall surfen sie im Internet, an der Bushaltestelle, auf dem Schulhof, auf dem Sportplatz, nie gibt es eine Pause. Auf uns lastete damals auch ein großer Druck, aber ein anderer als auf den heutigen Generationen. Ich glaube, unserer war nicht so schlimm. Außen raste vielleicht die Zeit an mir vorbei, doch im Kopf fand ich mein eigenes Tempo. Ich war kein „Stiefkind des Lebens“! Ich habe gelernt, bei mir zu sein. Das Meer hat mir Seelenruhe gegeben.

+++ Charly Behrensen, 75, war ein Hochseefischer. Der Vater von fünf Kindern verstarb im Mai 2015 in Cuxhaven. +++ 

KAPUZENJACKE SEEMANN – nur bei uns im Shop!

 

0 comments

Leave A Comment