KÄPT’N CHARLY: Seepferdchen

Über 40 Jahre lang hat es keiner geahnt.

Gewundert hat sich meine Frau natürlich schon, wenn ich im Urlaub immer nur zum Plantschen ins seichte Wasser gegangen bin. Und als unsere Tochter Norma – sie war damals vier oder fünf Jahre alt – eines Tages mit ihren Schwimmflügeln immer weiter hinaus aufs Meer paddelte, ich aber nicht hinter ihr her schwamm, sondern bloß brüllte, sie solle gefälligst umkehren. Ich habe meiner Frau dann immer erzählt, mir sei das Meer nicht warm genug. „Ich kann das kalte Wasser nicht ab“ war jahrelang mein Mantra an jedem Strand. Elsbeth muss insgeheim gedacht haben, dass ich ein ziemliches Weichei bin. Schließlich brachte ich das Kalte-Wasser-Argument auch vor, wenn wir in der Karibik oder auf den Kanarischen Inseln urlaubten. Da hatte bei 25 Grad Wassertemperatur außer mir niemand ein Problem mit angeblicher Gänsehaut.

DIE SIMPLE WAHRHEIT

Die Wahrheit, die ich all die Jahre auf die umständlichsten Arten zu verheimlichen versucht hatte, ist dabei ganz simpel: Ich kann nicht schwimmen.

Eingeschult wurde ich 1945. In den Nachkriegsjahren hatten die Schulen andere Probleme, als uns Kindern Schwimmunterricht anzubieten. Und im Dorfteich, in dem wir in den Sommermonaten plantschten, konnte man immer noch so gerade stehen. Kein Grund also, das Seepferdchen zu machen. 1953 war ich dann auch schon fertig mit der Schule und bin sofort zur See gefahren. Natürlich verstehen die Leute das nicht: Du hast dein Leben lang auf dem Meer verbracht und kannst nicht mal schwimmen. Dabei vergessen sie aber: Als Kapitän verlässt man sein Schiff sowieso nicht – Außer natürlich, man ist dieser windige Italiener, der als Erster von der „Costa Concordia“ gehüpft ist.

“ELSBETH, WIR MÜSSEN SCHNACKEN!”

Alles ging also gut, bis meine Frau und ich im vergangenen Jahr nach Ägypten flogen. Ein tolles Land, ein toller Urlaub. Super Strand, warmes Wasser. Ich plantschte wie üblich ein bisschen herum, immer mit Bodenkontakt, klar. Bis meine Frau irgendwann vorschlug: „Komm, wir schwimmen zur anderen Seite der Lagune!“ Ich merkte, dass ich aus dieser Nummer nicht herauskommen würde.

„Elsbeth, ich muss mal mit dir schnacken“, sagte ich.

Wir legten uns auf unsere Liegen, ließen uns einen Cocktail bringen. Und dann erzählte ich ihr die ganze Wahrheit. Dass ich nie schwimmen gelernt hatte. Dass mir das immer unangenehm gewesen war. Und dass daraus irgendwann diese Spirale geworden ist, aus der man nicht mehr allein herauskommt. Denn während man die eigenen Kinder zur Seepferdchen-, Frei- und Rettungsschwimmerprüfung begleitet, verliert man irgendwann den Mut, selber ganz von vorne anzufangen.

Elsbeth war natürlich geschockt. Ein Geheimnis, das man 40 Jahre vor dem anderen verbirgt, wiegt automatisch schwer. Aber sie war nicht sauer auf mich. Eher belustigt. Was auch dazu führte, dass wir uns, zurück in Cuxhaven, irgendwann vor einem Reporter von der hiesigen Tageszeitung verplapperten. Der traute seinen Ohren nicht und schrieb sofort eine Glosse über meine fehlende Freischwimmerfähigkeit. Der Artikel machte natürlich die Runde. Nach der Veröffentlichung wurde ich überall angesprochen, die Leute erkundigten sich, wann ich denn mein Seepferdchen nachholen und ob ich dabei Schwimmflügel tragen würde. Und sie wollten wissen, wie es nach 40 Jahren zu der Beichte vor meiner Frau gekommen war.

DAS KROKODIL

Natürlich hätte ich die Sache mit Ägypten und der Lagune erzählen können. Aber dann dachte ich mir: Nee, das ist zu unspektakulär. Denen werde ich das Lachen austreiben. Also erzählte ich fortan die ungeheuerliche Geschichte, dass wir während einer Nilfahrt vor einer kleinen Sandbank Halt gemacht hatten. Und während unser Trüppchen Touristen also über die winzige Insel spazierte, sei auf einmal ein Krokodil aufgetaucht. Ein riesiges Krokodil! In Panik sprangen die anderen ins Wasser, kraulten zurück unserem Schiff, das ein Stückchen abgetrieben war. „Charly, komm, du musst dich beeilen! Schwimm!“ riefen sie mir zu. Aber ich blieb wir angewurzelt stehen. Das Krokodil hatte mich fixiert. Ich hielt seinem Blick stand, überlegte panisch, ob meine Kraft ausreichen würde, ihm das Maul zuzudrücken. Aber das Ungetüm griente mich nur hämisch an. Ganz so, als wollte es sagen: „So, mein Freund, das war’s dann jetzt.“

Irgendwann, die Minuten kamen mir vor wie Stunden, war es keine 20 Meter mehr von mir entfernt. „Schwimm, Charly, schwimm!“ hörte ich meine Frau flehen. Und während ich schon dachte, dass dies nun meine letzten Atemzüge sein würden, kam den Schnellmerkern auf dem Schiff endlich die Idee, das Schlauchboot zu mir rüberzuschicken. So wurde ich zwar schlussendlich gerettet und landete nicht als Zwischenmahlzeit im Krokodilsmagen. Aber meiner Frau war seither auch klar, dass sie seit 40 Jahren mit einem Nichtschwimmer verheiratet ist.

Bislang hat mir noch jeder diese Version abgenommen. Was dazu führt, dass ich in Cuxhaven zwar weiterhin als der Kapitän bekannt bin, der nicht schwimmen kann. Aber ich bin eben auch der Kapitän, der erst Auge in Auge mit einem Krokodil zugab, dass er kein Seepferdchen hat.

 

## Charly Behrensen, 75, war pensionierter Hochseefischer. Der Vater von fünf Kindern verstarb im Mai 2015 in Cuxhaven. ### Seine Geschichte erzählt er auch in unserem Meeres-Klassiker ORKANFAHRT. Überall im Buchhandel & HIER bestellen.

 

 

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