KÄPT´N, MEIN KÄPT`N – so entstand „Sturmwarnung“

Für die Anthologien „Orkanfahrt“ und „Wellenbrecher“ habe ich im Laufe der Jahre mehr als fünfzig alte Kapitäne interviewt und ihre Geschichten aufgeschrieben. Es waren allesamt stolze Männer, denen man anmerkte, dass sie die meiste Zeit ihres Lebens ihre eigenen Chefs waren. Einige waren wortkarg, manche misstrauisch. In einem Fall dauerte das Gespräch drei Tage, weil die Antworten aus den gebrummten Kommentaren „Ja“, „Nein“, „blöde Frage“ bestanden. Es war trotzdem eine Freude, mit ihnen zu arbeiten, und die Verbindlichkeit und Aufrichtigkeit, die sie ausstrahlten, hat mich beeindruckt.

Doch keiner ist wie Kapitän Schwandt.

Es ist nicht nur seine Lebensklugheit, die ein Gespräch mit ihm besonders macht. Es ist sein Witz, seine ironische Art, auf die Dinge zu blicken. Es ist dieser Zug, andere und sich selbst mit Respekt zu behandeln, und sich dennoch nicht zu wichtig zu nehmen.

Seine Kolumne in der „Hamburger Morgenpost“ ist im Norden bekannt wie beliebt, und uns erreichen zahlreiche Einladungen. Eine kam aus dem Internationalen Martimen Museum in Hamburg – Schwandt war als zehntausendster Besucher eines Schiffssimulators vorgesehen. Er lenkte also einen Großcontainerfrachter in den Hafen von Hamburg hinein und aus Rotterdam heraus. Beides ging fulminant daneben. Schwandt, 79, kam mit dem Computer nicht klar, was ihm, so schien es mir, zunächst etwas unangenehm war. Ich fragte ihn, ob wir das Missgeschick in der Kolumne verarbeiten sollten. Jeder andere Kapitän hätte alleine die Frage als Affront angesehen – und die meisten wären gar nicht erst auf die Idee gekommen, die Reisen im Simulator anzutreten.

„Mensch Jong, was denn sonst?“, rief er, und grinste sein schelmisches Lächeln. Die Kolumne heißt „Wie ich die ‚MS Europa‘ versenkte“, ist Teil von „Sturmwarnung“ und einer der Höhepunkte jeder Lesung.

In „Sturmwarnung“ geht es um Haltung.

Ich denke, dass es bei diesem Buch nur vordergründig um die Seefahrt geht. Natürlich spielt das Buch auf See und in Häfen und ist ein Zeugnis einer anderen Epoche der Seefahrt. Manche finden sie romantisch, andere nicht. Schwandts Geschichte spielt in Teilen zu einer Zeit, als Seeleute gesellschaftliche Außenseiter waren, scheinbar asoziale Outlaws, deren rüpelhaftes Verhalten während der Landgänge alle Vorurteile bestätigte. Was die Männer weit draußen mitmachten, spielte sich hinter dem Horizont ab. Das bekam keiner mit. Für viele Seeleute ist es noch heute ein Tabu, über  das Rotlicht und die wilde Seite der Seefahrt zu sprechen. Für Kapitän Schwandt nicht. Er findet, es gehört zu seinem Leben dazu – und wenn jemand ein Problem damit hat, ist es eben so.

„Sturmwarnung“ erzählt aus vielen Gründen noch mehr als nur über die See, es ist kein rein maritimes Buch. Es geht um größere Dinge. Es geht um Haltung. Darum, wie man in einem Sturm die Fassung bewahrt und seiner Crew ein Beispiel ist. Es handelt davon, wie man sich anderen Menschen gegenüber korrekt verhält, ohne dafür ein Gesetzbuch oder eine Bibel zu benötigen: Empathie für Außenseiter, Renitenz gegen falsche Autoritäten, Standhaftigkeit für die eigenen Prinzipien. Es beschreibt etwas, das man „gesunden Menschenverstand“ nennen könnte. Kapitän Schwandt benimmt sich wie ein Vorbild, obwohl er alleine den Verdacht, ein solches genannt zu werden, weit von sich weisen würde.

An diesem Buch haben wir insgesamt zwei Jahre lang gearbeitet. Einige Zeit verbrachten wir dafür auch auf See, weil man mit einem alten Seemann nirgendwo so gut über das Meer reden kann. Wir fuhren mit dem Schiff nach Litauen, später dann nach Island.  Als Erstes, wenn wir an Bord gingen, untersuchte der Kapitän immer die Rettungsmittel. Sah sich an, wo die Westen verstaut waren, untersuchte, ob die Boote einwandfrei aussahen und ob die Davits, mit denen sie zu Wasser gelassen werden, richtig geschmiert waren. Auch die Offiziere beobachtete er genau. „Den einen würde ich sofort zum Friseur schicken“, raunte er mir einmal zu, als wir mit unserer Kreuzfahrt „Heimathäfen“ auf der Nordsee unterwegs waren. Der Offizier trug die Haare schulterlang und gerne das Hemd aus der Hose. „Unmöglich“, brummte Schwandt. Einmal Seemann, immer Seemann. Wenn er die die See beobachtet, mit einer Zigarette und einer Tasse Kaffee, sieht man ihm die Zufriedenheit an.

Es ist immer eine Freude, mit ihm zu reisen.

Und es war eine Ehre, mit ihm an diesem Buch arbeiten zu dürfen.

 

Stefan Kruecken, Jahrgang 1975, leitet mit seiner Frau Julia den von ihnen gegründeten Ankerherz Verlag. Vor dieser Zeit berichtete er Reporter weltweit für Magazine wie “max”, “Stern” und “GQ”, von Hooligans in Glasgow, Kindersoldaten in Uganda oder Fußballern in Rio. Das Paar hat vier Kinder und lebt in der Nähe von Hamburg.

„Sturmwarnung“, die Biographie von Kapitän Schwandt, ist überall im Handel und hier im Online Shop erhältlich, auch als Hörbuch (vom Kapitän selbst gesprochen).

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Zum Welttag des Buches: So entsteht ein Buch mit Ankerherz on Apr 23 2018

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