KAPITÄN SCHWANDT: Meine Erinnerungen an die Haifisch Bar

Die Haifisch Bar, Große Elbstraße, direkt an der Wasserkante, ist so etwas wie eine „Oase“ für mich. Einer von wenigen Orten im Hafen, wo man noch spüren kann, wie es früher einmal war. In den 1950er Jahren, als junger Seemann, galt die Gegend um den Fischmarkt für uns Frachtschiff-Matrosen als Tabu-Zone. Unser „Hai“ befand sich damals auf der Reeperbahn, wo auch die Mädchen hübscher waren. Wenn sich die Besatzung eines Frachters rund um die Fischauktionshalle blicken ließ, gab es sofort ein paar aufs Maul. Matrosen und Fischer vertragen sich traditionell nicht, und sobald wir in Cuxhaven anlegten, der Fischerstadt, wussten wir, dass es ordentlich etwas auf die Mütze gab. Ich will keine Gewalt glorifizieren, doch sie gehörte damals einfach zum Landprogramm, wie die zahllosen Biere und Schnäpse.

Hans Albers statt Justin Bieber

Viel hat sich seither verändert, auch der Hafen selbst. Veranstaltungen wie der großartige „Blue Port“ des Lichtkünstlers Martin Balz? Damals völlig utopisch! Der Hafen war zum Arbeiten da, nicht zum Flanieren. Es roch auch nicht in allen Ecken fein und um das Design des Bürgersteigs zerbrach sich niemand den Kopf. Was die Lokale betrifft, haben in der Nachbarschaft der Haifischbar diverse Cafés eröffnet, in denen man einen gepflegten Latte Macchiato serviert. Früher verlegte mancher Matrose das Pissoir der Einfachheit halber an den Tresen. Hans Albers statt Justin Bieber. Rollkragenpulli statt Anzug, Labskaus statt Sushi. Es ist ein Verdienst von Wirt Gert Schlufter und seiner Familie, dass er ein Stück alten Hafentradition weiter lebt.

Was ist denn von der Seefahrt meiner Tage geblieben? Riesige Container-Kisten, die von Computern halb ferngesteuert über die Ozeane schieben und weitab der Innenstädte in „Terminals“ halbautomatisch entladen werden. Früher lagen wir auf Trampfahrt wochenlang irgendwo rum, drei Wochen Rio, vier Wochen London. Ich werde noch ganz melancholisch. 

 

 

Jürgen Schwandt, Jahrgang 1936, wuchs im Hamburger Stadtteil Sankt Georg auf. Er fuhr jahrzehntelang zur See und wechselte dann zum Wasserzoll. Seine Biographie „Sturmwarnung“ wurde ein SPIEGEL-Bestseller. Überall im Handel und hier im Shop zu haben, auch als Hörbuch.

 

 

 

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[…] im Hamburger Hafen, am Burchardkai, auf den Landungsbrücken von Sankt Pauli und in der legendären Haifisch Bar, die so etwas wie das zweite Wohnzimmer des Käptens geworden ist. “Ein Biographie voller […]
KAPITÄN SCHWANDT im Bücherjournal des NDR-Fernsehens on Sep 06 2016

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