KÄPT`N SCHWANDT: Weihnachten in der Karibik

Selbst hartgesottene Seeleute sehen mit Grauen dem Heiligen Abend entgegen. Ich kenne kaum jemanden, der fern der Familie und Freunde nicht sentimental wurde und keine einsamen Stunden verbrachte. Zu Weihnachten irgendwo über die Wellen zu schaukeln oder – noch schlimmer – in irgendeinem Hafen zu liegen, warf damals, in meinen wilden Seefahrtjahren elementare Fragen auf

  1. Was zum Henker mache ich hier eigentlich?
  2. Und wo finde ich den nächsten Puff?

Es war Anfang der 1960er Jahre, wir fuhren Charter für eine holländische Reederei und lagen in Puerto Cortes, einem Hafen der Karibik, von dem es keine Postkarten gibt.

Zusammen mit anderen Matrosen lief ich durch die Straßen, wo man den Feiertag erfrischend unsentimental beging. Mit einem Jahrmarkt für Kinder und Musik in allen Gassen. Party on, Weihnachtsmann! Da waren wir Seeleute gerne dabei. Doch gegen 22 Uhr verschwanden alle Einwohner von Puerto Cortes wie auf ein geheimes Zeichen in ihren Häusern.

Wo ist der Kirchturm?

Wir hörten das Stimmengewirr und Gelächter, das aus den geöffneten Fenstern drang, und fühlten uns ausgeschlossen. Voller Selbstmitleid suchten wir nach dem nächsten Kirchturm. Natürlich nicht, um zu beten. Erfahrungsgemäß war das nächste Bordell nicht mehr weit entfernt, denn das Rotlicht schimmerte meist im ältesten Viertel. Also nahe dem Kirchturm.

Wir entdeckten das einzige Freudenhaus von Puerto Cortes, zur Freude der Puffmutter, einer alten, voluminösen Matrone, die gleich hinter uns die Tür abschloss. Die Mädchen ergingen sich ebenso wie wir in Melancholie und hatten den Weihnachts-Blues. Doch Sekt und Wein verbesserten die Stimmung rasch und es wurde eine der intimsten Weihnachtsfeiern, an die ich mich erinnern kann. Das Fest der Liebe, ganz wörtlich interpretiert.

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