Ein Kapitän erzählt: als die Rakete im Schiff einschlug

Die Lage am Persischen Golf ist aktuell erneut angespannt. Der deutsche Kapitän Robert “Bob” Maringer  aus Osnabrück erlebte dort während des Golfkriegs eine dramatische Situation. Eine Rakete schlug ein. Exklusiver Auszug aus unserem Buch  “Wellenbrecher“.

Kapitän Bob Maringer aus Osnabrück erzählt. Foto: Multhaupt

 

“Woher kommt dieses seltsame grünliche Blinken, 30 Grad voraus, an Steuerbordseite? Jens, unser Schiffsjunge, ein blonder Teenager, der während der Wache den Ausguck besetzt, hat es zuerst entdeckt. Ich denke an eine Navigationstonne, doch in der Seekarte ist kein Markierungspunkt eingetragen. Dann kann ich durch das Fernglas 
einen hellen Schein erkennen. Eine Art Lichtbogen, der sich etwa 100 Meter in den klaren Nachthimmel über den Persischen Golf erhebt. Was ist das? Der Bogen senkt sich nun. Beginnt zu sprühen. Hantiert jemand an Bord einer Dau mit Leuchtspurmunition?

Was ist das für ein Leuchtbogen?

23.31 Uhr zeigt die Uhr auf der Brücke der Jolly Indaco, einem zum Containerfrachter umfunktionierten Schwergutschiff. Eben sind wir an einem Leuchtfloß vorbeigekommen, was ich ins Schiffstagebuch eintrug. Wir befinden uns in einem gefährlichen Seegebiet, 1985, im fünften Jahr des Krieges zwischen dem Irak und dem Iran, einem furchtbaren Konflikt, der immer mehr in ein Gemetzel ausartet. Wir haben keine Waffen, sondern italienischen Marmor an Bord, doch auch Carbonatgestein kann, wenn Kuwait der Bestimmungshafen ist, eine heikle Ladung sein. In der Zone, die wir durchfahren, ist vor wenigen Wochen ein Bergungsschiff von der irakischen Luftwaffe versenkt worden.

 

Zur Mittagszeit, als wir auf der Brücke unsere genaue Position bestimmten, war ein Militärhubschrauber im Tiefflug über unser Schiff geknattert. Er zog einige enge Kreise und ich, eigentlich selbst ein erfahrener Kapitän, aber nach Insolvenz meines alten Arbeitgebers und wegen der allgemeinen Jobmisere als Zweiter Offizier an Bord, hatte den Schriftzug »Iranian Airforce« entziffern können. An Backbordseite passierten wir einige Ölfelder und Fördergebiete, die der Iran für sich beanspruchte. »Männer, die beobachten uns nur«, beschwichtigte der Kapitän, ein großer, robust gebauter Mann, zu dem ich ein distanziertes Verhältnis pflegte.

Ich muss kurz an den Hubschrauber denken, als ich den Lichtstreifen sehe, der nun rosafarben schimmert und sich rasch auf dieJolly Indacozubewegt. Das Lichtband kommt direkt auf uns zu! Knapp einen Meter über dem Meer, auf einer geraden Bahn, wie an einem Seil gezogen, mit einem stärker werdenden Sprühen. Nun weiß ich, um welche Art Lichtstreifen es sich handelt.

»Das ist eine Rakete«, sage ich, ganz ruhig.

Ich bin viel zu erschrocken, um aufgeregt zu sein. In solch einem Moment schreit man sein Entsetzen nicht heraus, sondern ist starr vor Schreck. Ein Heulen ist zu hören, eine Art lautes Pfeifen und ich sehe ganz deutlich das Projektil, etwa vier Meter lang. »Die geht vorbei«, schreie ich, »die geht vorbei!«, doch dann ändert die Rakete ihren Kurs, zeichnet mit ihrem Feuerschweif eine Kurve in die Nacht und dreht auf uns zu.

Einschlag, kurz hinter der Brücke! Eine Explosion, eine dumpfe Erschütterung.

An Steuerbordseite wird es schlagartig hell, es sieht aus, als brenne eine gewaltige Wunderkerze ab, rötlicher Funkenflug, es riecht verbrannt, nach Schwefel und nach Chemikalien. Sofort bekommt das Schiff Schlagseite, mit einem Ruck etwa um 20 Grad legt sich die Jolly Indaco nach Backbord, dann um 30, schließlich um 40 Grad, es geht erschreckend schnell. Ich greife zum UKW-Gerät und setze auf Kanal 16 einen Notruf ab: »Mayday! Hier Jolly Indaco! Wir drohen nach Beschuss zu sinken! Mayday!«

 

Etwa zehn Sekunden vergehen, zehn Sekunden tiefer Stille, was als seltenes Erlebnis gilt in einem Seegebiet, in dem gelangweilte Nachtwachen pausenlos Fußballergebnisse austauschen oder den neuesten Klatsch aus ihren Heimathäfen. Dann spricht eine tiefe Stimme zu mir:

»Hier meldet sich ein Kriegsschiff der Seestreitkräfte von Saudi-Arabien. Wir sehen Sie und wir sehen ein großes Loch. Gehen Sie besser in die Boote, denn ein zweiter Angriff ist nach unseren Erfahrungen nicht auszuschließen.« Wer hat uns angegriffen? Iranische Marine, die Iraker? Und warum befindet sich dieses saudische Kriegsschiff in Sichtweite? Meine Gedanken rasen, als jemand schnaufend die Treppe zur Brücke heraufstürmt: Der Kapitän, nur in Unterwäsche gekleidet – nebenbei bemerkt: kein Anblick, an den ich mich gerne erinnern werde –, stößt mit weit aufgerissenen Augen hervor:

»Maringer, verflucht noch mal, Sie haben einen Bohrturm gerammt!«

»Das war kein Bohrturm«, antworte ich, »das war eine Rakete!«

Nun stutzt er, scheint mit Verzögerung zu begreifen, was vor sich geht, murmelt »Der kentert uns weg«, und befiehlt dem Dritten Offizier, der inzwischen ebenfalls auf der Brücke erschienen ist, die Rettungsboote klarzumachen. 25 Mann Besatzung arbeiten auf der Jolly Indaco und nicht allen ist der Ernst der Lage bewusst. Einige wollen, wie ich später hören werde, ihre Stereoanlagen und eilig gepackte Koffer mit auf die Rettungsboote nehmen. Ich befinde mich auf Befehl des Kapitäns (»Maringer, Sie, der Chief und ein Matrose sehen sich den Schaden an!«) tief unten im Schiff.

Ein Loch wie ein Einfamilienhaus

Was wir entdecken, erzeugt einen Schauer, denn es ist klar, wie knapp uns der Tod verfehlt hat; wir sehen ein gewaltiges Loch, groß wie die Fassade eines Einfamilienhauses, knapp oberhalb der Wasserlinie; die Rakete hat einen mit 400 Tonnen gefüllten Ballasttank durchschlagen, dessen Wasser nun in den Luken steht. Was erklärt, warum das Schiff nach dem Einschlag zur Seite kippte. Bis in einen Laderaum ist die Rakete eingedrungen, der seit dem letzten Hafen nahezu leer steht, zum Glück, denn das Feuer erlosch rasch. Es ist klar: Hätte die Rakete die Brücke direkt getroffen, wäre dies unsere letzte Reise gewesen. Experten haben mir später erklärt, dass uns vermutlich die Position eines fahrbaren Zwillingskrans rettete, der zum Löschen der Ladung achtern an Deck stand und nicht, wie sonst, unmittelbar hinter den Aufbauten. Die Rakete suchte sich jene Stelle, wo sie die stärkste metallische Anziehung fand; sie schlug nicht im Bereich der Brücke ein, sondern wurde durch die Masse des Krans nach hinten abgelenkt.

Durch die Druckwelle ist der Rumpf der Jolly Indaco einmal der Länge lang gerissen, Wasser dringt ein. »Kriegt ihr den Deckel auf?«, höre ich aus dem Walkie-Talkie und verstehe, worauf die Frage abzielt: Das Wasser kann durch die tischplattengroße Öffnung weiter nach unten ablaufen und von den starken Pumpen, die das Schwergutschiff mitführt, außenbords gelenzt werden. Es fällt schwer, die mächtigen Schrauben im knöcheltiefen Wasser zu lösen; der Deckel ist so gewichtig, dass wir ihn zu dritt kaum anheben können. Aber wir schaffen es. In Gefahr setzt man besondere Kräfte frei.

 

Zurück auf der Brücke, gibt mir der Käpten sofort die nächste Order: Ich gehe nach achtern, um den Schaden im Bereich eines Lastenfahrstuhls zu prüfen; die Druckwelle hat einen Deckel abgerissen und auch in diesen Teil des Schiffes strömt Wasser. Ich bin von den Ereignissen verstört und fühle mich erschöpft. Wie durcheinander ich bin, bemerke ich, als die Jolly Indaco auf einen anderen Kurs geht. Es ist eine klare Nacht, die Sterne leuchten und ich bin derart verunsichert, dass ich die helle Venus für ein heranschwirrendes Geschoss halte und rufe: »Achtung, die greifen wieder an!«

Indes hat sich die Lage entspannt, denn die leistungsstarken Pumpen arbeiten mit vollem Druck und bringen das Schiff wieder ins Gleichgewicht. Die Mannschaft ist von den Rettungsbooten zurück an Bord geklettert und wir laufen mit langsamer Fahrt auf einem südöstlichen Kurs in Richtung Bahrain. Über Norddeich Radio hat der Kapitän unseren Reeder in Kenntnis gesetzt und darum gebeten, die Formalitäten für Manama zu klären, wo das Schiff in einem gewaltigen Trockendock, das selbst für Supertanker geeignet ist, repariert werden kann. Ich hoffe, dass man auch unsere Familien informiert, was aber nicht geschieht.

Ein Kapitän erzählt

Stattdessen läuft meine zwölfjährige Tochter um kurz vor sieben Uhr deutscher Zeit aufgeregt zu meiner Frau, die gerade die Pausenbrote in der Küche schmiert: »Mama, im Radio haben sie gerade gesagt, dass eine Rakete Papas Schiff getroffen hat!« Meine Familie bekommt einen furchtbaren Schreck – zum Glück melde ich mich wenige Minuten später über Norddeich Radio. Wie die Deutsche Welle an ihre Information kam, bleibt ein Rätsel.

Es gibt diverse Probleme zu lösen, bis das Schiff tatsächlich im Dock liegt – wegen meines Notrufs und der vorübergehenden Schlagseite fürchten die Behörden, dass wir beim Löschen der Container im Hafen sinken. Drei Tage verbringen wir auf Reede, an einem Ankerplatz mit flachem Wasser, bis wir einlaufen dürfen und die Jolly Indaco ins Dock kommt, wo sie neben anderen Schiffen liegt, die von Raketen und Granaten getroffen wurden. Eines weist einen glatten Durchschuss auf. Einige Ballistikexperten kommen an Bord, darunter zwei Engländer, vermutlich vom Geheimdienst, die alle Splitter der Rakete einsammeln und auf dem Deck auslegen. Einer von ihnen raunt mir zu, es handele sich um einen französischen Flugkörper, auf dem sie eine deutsche Seriennummer finden. Wer die Rakete abgefeuert hat, ist bis heute ungeklärt. Das Loch in der Außenwand misst 54 Quadratmeter; es dauert mehr als sechs Wochen, den Schaden zu reparieren, und kostet umgerechnet 1,5 Millionen Mark.

In den nächsten Monaten fahre ich immer wieder durch den Persischen Golf, unter anderem mit 17 Dieselloks für Kuwait. Nach dem Beschuss spüre ich in manchen Nächten ein mulmiges Gefühl, aber was bleibt mir übrig? Die Reederei zeigt sich trotz des Risikos kostenbewusst: Schiff und Ladung sind auf diesen Fahrten extra versichert.

Uns Seeleute versichert man nicht.

 

Kapitän Robert Maringer, Jahrgang 1936, kam in Dessau zur Welt, als Sohn eines Piloten der Junkers-Werke. Nachdem sich sein Traum, auch Flugkapitän zu werden, in den Nachkriegswirren zerschlagen hatte, stellte ihn der Vater vor die Wahl: Tankstelle oder Seefahrt? Maringer heuerte als Moses bei der Bremer Hansa-Linie an und durchlief eine Laufbahn bis zum Kapitän. Nach der Insolvenz der Traditionsreederei im Jahr 1980 hatte er es in einer Krise der Seeschifffahrt schwer, Arbeit zu finden, weshalb er wieder als Zweiter Offizier fahren musste. Maringer hat zwei Töchter und drei Enkel und lebt in Osnabrück.

In den Büchern “Orkanfahrt” und “Wellenbrecher” haben wir die Geschichten alter Kapitäne gesammelt. Beide Anthologien gibt es überall im Handel und hier bei uns im Online Buchladen.

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