KAPITÄN SCHMIDT: Angeklagt wegen Menschenschmuggels

Dies ist der zweite Teil der Geschichte Kapitän Stefan Schmidt, der im Jahr 2004 37 Menschen aus Seenot rettete und deshalb ins Gefängnis ging. Heute ist Schmidt Zuwanderungsbeauftragter des Landes Schleswig-Holstein. Auf seiner Facebook-Seite bezieht er Stellung zu aktuellen Fragen.

Zurück zur Geschichte, die 2004 auf dem Mittelmeer spielt. Nach der Rettung der Flüchtlinge spitzt sich die Situation an Bord zu…

Aufgeschrieben von Stefan Kruecken, Ankerherz

 

“Keine 60 Stunden nach der Rettungsaktion erreicht uns der Funkspruch eines Fischkutters namens „Luigi Padre“, der um Unterstützung für mehr als 30 verzweifelte Kinder, Frauen und Männer auf einem Boot bittet. Die italienische Küstenwache erklärt sich jedoch für „nicht zuständig“ und verweist an die lybischen Behörden, die nicht auf den Hilfeappell reagieren. Ich gebe Order, die genannte Position anzulaufen, doch als wir in den Abendstunden dort eintreffen, sehen wir nur noch ein Wrack, das knapp unterhalb der Wasseroberfläche treibt. Angeblich, so erfahren wir später, nahm ein lybisches Kriegsschiff die Schiffbrüchigen auf.

“Um uns weint doch sowieso keiner.”

Auch am nächsten Tag begegnen wir einem vollbesetzten Kahn, der an ein Ruderboot aus einem Stadtpark erinnert. Durch ein Megaphon bieten wir Hilfe an, doch die Passagiere lehnen ab; sie wollen Malta erreichen, das knapp 300 Kilometer weit entfernt ist. „Um uns weint doch sowieso keiner“, ruft uns einer zu. Wir eskortieren sie noch einige Seemeilen, verlieren sie aber in der Dunkelheit der Nacht aus den Augen. Am 28. Juni kommen Elias Bierdel, der Geschäftsführer von „Cap Anamur“, und drei Journalisten mit einem Motorboot von Tunesien aus an Bord. Ich bin froh über die Unterstützung. Am 30. Juni übermitteln wir sämtliche Daten, die wir in Gesprächen mit den Schiffbrüchigen sammeln konnten, an die italienischen Behörden. Über Funk erhalten wir eine Einfahrtgenehmigung für Port Empedocle, Sizilien.

kapitaen-schmidt-mittelmeer-symbolfoto

Ein Lotse wartet dort auf uns, ich kläre mit der Hafenmeisterei letzte Details, scheinbar ist nun alles Routine. Doch dann bellt eine Stimme aus dem Funkgerät: „Cap Anamur, hier spricht die italienische Küstenwache. Sie haben keine Erlaubnis, in unsere Hoheitsgewässer einzulaufen. Die Genehmigung wird verweigert!“

„Habe ich richtig verstanden?“, frage ich, „das kann doch nicht sein! Sie dürfen uns laut Seerecht mit Geretteten nicht die Einreise verweigern“.

„Cap Anamur, die Schiffbrüchigen haben ihren Status als Schiffbrüchige verloren. Warten sie in internationalen Gewässern auf weitere Anweisungen“, kommt knapp zurück.

Hilfe von Joschka Fischer? Nein.

Ihren Status als Schiffbrüchige verloren? Was soll das bedeuten? Eine Erklärung erhalten wir trotz vielfacher Nachfrage nicht, dafür tauchen Kriegsschiffe am Horizont auf und halten auf uns zu: Zwei Fregatten der italienischen Marine, drei Kreuzer der Küstenwache ein Polizeikreuzer, ein Boot der Zollbehörde sowie ein Hubschrauber, der immer wieder im Tiefflug über uns hinweg knattert. Vermummte Soldaten halten Maschinengewehre im Anschlag, als sie dicht an Bord vorbei rasen. Es sind Szenen wie aus einem miesen Action-Film, und die Darbietung ist in internationalen Gewässern so legal wie ein Piratenüberfall. Die Schiffsbrüchigen reagieren verängstigt, und auch mir ist mulmig zumute. Cap Anamur-Geschäftsführer Bierdel bittet über das Telefon im Auswärtigen Amt von Joschka Fischer um Hilfe, doch abgesehen von mitfühlenden Worten erhalten wir keinerlei Unterstützung.

Kann man wirklich verdammen, dass eine Hilfsorganisation versucht, mit Hilfe der Medien auf eine verzweifelte Situation aufmerksam zu machen? Acht weitere Tage, in denen das Militär immer wieder Scheinangriffe auf unseren Fracht fährt und man uns ohne Begründung die Einreise verweigert, vergehen, bis das deutschen Fernsehen den ersten Bericht sendet. Während die italienischen Medien sachlich berichten und Papst Johannes Paul II in einer Andacht für uns betet, berichten deutsche Journalisten über eine angebliche „PR-Kreuzfahrt mit Flüchtlingen“, und der „Spiegel“ schreibt von einem „heiteren Ausflug“, der politisch brisant wurde – ein Zynismus, der mich bis heute fassungslos macht.

Innenminister Otto Schily äußert in einer Erklärung mit seinem italienischen Amtskollegen Kollege Guiseppe Pisanu, es handele sich „um einen gefährlichen Präzedenzfall.“ Während drei Dutzend italienische Städte anbieten, die Flüchtlinge aufzunehmen, lehnt die Berlusconi-Regierung unsere Einreise kategorisch ab.

Wir können nicht mehr.

Mit jedem Tag, der verstreicht, verschärft sich die Lage an Bord. Es mangelt weder an Nahrung noch an Wasser, und auch die hygienischen Bedingungen sind akzeptabel, doch der Krieg der Nerven hat Spuren hinterlassen. Einige Flüchtlinge reagieren aggressiv auf Reporter, es kommt zu einer Attacke auf einen Offizier. Bordkrankenschwester Birgit sorgt sich, dass einige über Bord springen könnten; andere haben mit einem Hungerstreik begonnen und rühren ihre Mahlzeiten nicht mehr an. Ich schlafe kaum noch und bin ständig auf der Brücke, denn ich fürchte um die Sicherheit des Schiffs. Wachen an Deck holen einen Afrikaner, der sich ins Meer stürzen will, in letzter Sekunde von der Verschanzung. Am Morgen des 11. Juli berufe ich meine Offiziere zu einem Schiffsrat ein und diskutiere mit ihnen meine Entscheidung: Ich werde eine Notmeldung absetzen und am nächsten Morgen Porto Empedocle einlaufen.

Es ist genug.

Tränen der Erleichterung

Keine Antwort von den Behörden. Wir werden sie reagieren? Mit halber Fahrt nähern wir uns gegen 10 Uhr der Einfahrt und werden von Kriegsschiffen verfolgt, aber immerhin: nicht beschossen. Ein Lotse kommt an Bord. „Fahr langsamer, langsamer“, warnt er mich immer wieder, „die wollen dich reinlegen.“ Tatsächlich wird der Chef der Carabinieri später behaupten, ich habe mit überhöhter Geschwindigkeit die Sicherheit anderer Schiffe gefährdet – einen Vorwurf, den er nach Aussagen seiner eigenen Untergebenen zurückziehen muss.

Als wir an der Pier festmachen, wo Polizisten, Kamerateams und Unterstützer warten, weinen auf der Brücke alle vor Glück. Wir denken, die Probleme seien nun gelöst – doch wir sollen uns gewaltig irren. Einige Behördenleiter kommen an Bord, sie geben sich freundlich und laden uns zu einem Kaffee in der Stadt ein. Bierdel, mein Erster Offizier und ich willigen ein, doch die Fahrt geht nicht in ein Café, sondern ins Hauptquartier der Polizei. Ich werde in einem kargen Büro verhört.

„Sie werden wegen Schleuserei angeklagt“, sagt einer der Beamten.

 

Lesen Sie bald im 3. und letzten Teil: Im Gefängnis und vor Gericht

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