KAPITÄN SCHMIDT: Belästigt nach dem Kirchentag

Ich möchte Euch von einem seltsamen Erlebnis in Berlin berichten.

Mit der Bahn war ich von Lübeck zum Kirchentag gefahren, wo ich in der Zionskirche kurz vor Margot Käßmann eine kurze Rede hielt. Ich sprach darüber, wie weit die Europäische Politik die Situation auf dem Mittelmeer eskalieren lassen will. Ob man Begriffe wie “Mitmenschlichkeit und Menschenwürde” wirklich auf ein Minimum reduzieren kann, ohne dass es einen gewaltigen Aufschrei bei der Bevölkerung gibt. Ich erwähnte die Versuche eines Neonazi-Vereins, Geld für ein Boot zu sammeln, um die Rettungsaktionen zu unterbinden.

Ansprache beim Kirchentag

Ich lobte in meiner Rede die Hilfsorganisationen für ihren Mut und ihr Engagement, das tausenden Menschen das Leben rettete. Dass die Kirchen seit einiger Zeit nicht mehr nur mit salbungsvollen Worten von Jesus erzählen, sondern, wie Frau Käßmann und die Bischöfin von Lübeck und Hamburg, Kirsten Fährs, aktuell und eindeutig zu den Geschehnissen in Europa Stellung beziehen, gefällt mir ebenfalls.

Als ich mich nachmittags auf die Heimreise machte und durch den Berliner Hauptbahnhof spazierte, trug ich meinen orange-farbenen Schal, den alle Teilnehmer des Kirchentags bekamen. Ein Mann sprach mich an, mittelalt, gepflegt. Er hatte eine Wasserflasche dabei, kein Bier. Er redete auf mich ein und lief neben mir her: „Wissen Sie, dass die meisten Flüchtlinge Terroristen sind?“ „Die Moslems werden uns Christen die Hälse durchschneiden“, solchen Unsinn gab er von sich. Er ließ nicht von mir ab. Ich bat ihm, aufzuhören. Er machte weiter. Ich wechselte die Richtung, er folgte mir.

Der Mann verfolgt mich

Nun bin ich mit 75 Jahren nicht mehr ein Aspirant für einen Sprint-Rekord über einhundert Meter und obendrein trage ich aktuell einen Gips am rechten Arm. Nichts Ernstes, nur lästig: Karpaltunnelsyndrom durch Gartenarbeit, der Doktor hat den Nerv für einige Tage lahm gelegt.

„Diese Ausländer, achten Sie doch auf diese Auslä…“ laberte mich dieser Blödmann voll. Es reichte.

Ich schrie ihn an, so laut ich es konnte. „LASSEN SIE MICH IN RUHE! JETZT!“ Mein Gebrüll hallte bis unter der Dach wider, zumindest kam es mir so vor. Reisende schreckten auf und sahen irritiert herüber. Es wirkte. Der Mann ließ von mir ab. Ich weiß nicht, ob ich ihm nicht sonst mit meinem Gipsarm auf den Kopf gehauen hätte.

KAPITÄN STEFAN SCHMIDT, JAHRGANG 1941, FUHR KNAPP FÜNF JAHRZEHNTE ZUR SEE. 2004 RETTETE ER FLÜCHTLINGE AUS DEM MITTELMEER, WURDE DESHALB ANGEKLAGT UND GING FAST IN DEN KNAST. SEIT FÜNF JAHREN IST ER ZUWANDERUNGSBEAUFTRAGTER DES LANDES SCHLESWIG-HOLSTEIN. SCHMIDT HAT DREI ERWACHSENE SÖHNE UND LEBT IN LÜBECK. IM ANKERHERZ BLOG BERICHTET ER AB SOFORT VON SEINEM LEBEN UND SEINER ARBEIT.

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