KAPITÄN SCHMIDT: Die Bundestagswahl weckt böse Erinnerungen

Ich fürchte, dass am Sonntag zum ersten Mal seit Kriegsende eine rechtsextreme Partei in den Bundestag einziehen wird. Es ist ein Einschnitt für mich und ich denke, auch für viele andere Menschen meiner Generation. Die AfD ist ein rechtsextremes Panoptikum. Im Kern eine “Völkische Bewegung”, wie es die konservative Frankfurter Allgemeine Zeitung schrieb.

Dass jemand wie Alexander Gauland dabei eine Rolle spielt, ein Mann aus meiner Generation, macht es auf eine Art besonders bitter. Mein Kolumnisten- und Kapitänskollege Jürgen Schwandt nannte ihn einen „Kleingeist“.

Die Bundestagswahl weckt böse Erinnerungen

Ich erinnere mich noch gut. Ende 1944, ich war ein kleiner Junge, drei Jahre alt, im Keller auf dem Schoss seiner Mutter. Meine Mutter hielt mir die Ohren zu, damit ich den Krach der fallenden und explodierenden Bomben nicht hörte. Sie drückte mir einen nassen Waschlappen auf Nase und Mund, gegen den hereindringenden Staub. Draußen stürzten Häuser zusammen.

In der Wohnung in der Braunsfelder Strasse warfen wir wichtige Dinge in einen Koffer, mehr konnten und durften wir auf die Flucht nach Hamburg nicht mitnehmen. Ich warf Spielzeug in den Koffer und sang: „Auf in den Kampf, Agate nimm den Schirm, wir müssen flüchten, wir müssen türm`n.“ Hatte ich wohl im Radio aufgeschnappt.

Im Krieg entstanden neue Vokabeln

Wir fuhren mit dem Zug von Stettin nach Hamburg, möglicherweise war es der Letzte. In Hamburg lebte ein Bruder meiner Mutter. Allerdings war auch er auch schon zweimal “ausgebombt” worden, wie man damals sagte. Im Krieg entstanden ganz neue Vokabeln.

Der Zug war voll, so dass ich durch ein Fenster hinein gereicht wurde. Dann war ich verschwunden. Große Aufregung! Eine freundliche Frau, nahm mich auf den Arm und tröstete mich, bis mich meine Mutter wieder in die Arme schloss.

Ein Stück Brot mit Butter

Hamburg war schon voll und hatte schon mehr Flüchtlinge aufgenommen, als vorgesehen war. Wir mussten weiter zu Tante Kathrine in Elmshorn, eine Wohnung in der Ollnsstrasse. Wir trafen eine Schwester der Mutter und deren kleinen Sohn “Hänschen”. Mit sieben Menschen lebten wir die nächsten Wochen in einem Raum, vielleicht 20 Quadratmeter groß. Tante Kathrine war schon sehr alt. Sie wunderte sich, warum der Besuch nicht wieder abfuhr.

 

 

Ich habe auch Erinnerungen an meinen fünften Geburtstag. Wir litten Hunger. Ich hatte eine halbe Brotscheibe gegessen, die für meine Schwester vorgesehen war. Bis heute schäme ich mich dafür. Als Geburtstagsgeschenk bekam ich dann einen Spekulatius, etwas ganz besonderes. Wenn ein englischer Panzer vorbeifuhr, liefen wir schnell hinter das Haus, es war so laut. Im Zug von Elmshorn zum „Schwarzmarkt“ nach Hamburg bekam ich von einem englischen Soldaten eine ganze Scheibe Weißbrot mit Butter geschenkt.

Noch heute kommen mir vor Freude die Tränen, wenn ich daran denke.

Ich fürchte, dass der Sonntag ein Einschnitt wird

Diese Erinnerungen haben sich bei mir eingebrannt. Ich kann nicht begreifen, wie nun eine Partei ins Parlament einziehen, die unsere Geschichte neu schreiben will. Die davon spricht, dass „der Kult mit der Schuld“ aufhören soll. Dass wir stolz auf die Leistungen der Wehrmacht sein sollen. Wenn ich Höcke reden höre, der sich Mühe gibt, wie Goebbels zu klingen und zu gestikulieren, fährt mir regelmäßig ein Schauer durch den Körper.

Ich fürchte, dass der Sonntag ein Einschnitt für mich werden wird.

 

KAPITÄN STEFAN SCHMIDT, JAHRGANG 1941, FUHR KNAPP FÜNF JAHRZEHNTE ZUR SEE. 2004 RETTETE ER FLÜCHTLINGE AUS DEM MITTELMEER, WURDE DESHALB ANGEKLAGT UND GING FAST IN DEN KNAST. SEIT FÜNF JAHREN IST ER ZUWANDERUNGSBEAUFTRAGTER DES LANDES SCHLESWIG-HOLSTEIN. SCHMIDT HAT DREI ERWACHSENE SÖHNE UND LEBT IN LÜBECK. IM ANKERHERZ BLOG BERICHTET ER VON SEINEM LEBEN UND SEINER ARBEIT

 

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