KAPITÄN SCHMIDT: Der Berliner Anschlag testet uns als Land

Ich habe sehr schlecht geschlafen letzte Nacht, und ich denke, das ging nicht nur mir so. Mich haben die Bilder vom Berliner Weihnachtsmarkt aufgewühlt. Wir konnten nicht ernsthaft glauben, in Deutschland vom Terror verschont zu bleiben und zu meinen, Schreckliches ereigne sich nur woanders. Nun ist es also passiert.

Was können wir tun? Die Aussagen, an die Opfer und ihre Angehörigen zu denken, hat nach zahlreichen Attentaten von Paris, Nizza, Orlando, Brüssel und anderswo etwas Bitteres, etwas Floskelhaftes bekommen, das geht vermutlich jedem so. Doch was können wir tatsächlich tun? Eine offene Gesellschaft ist verwundbar. Eine freie Gesellschaft kann jederzeit angegriffen werden. Diese Erkenntnis ist bitter, sie erfüllt uns mit Sorge, doch jeder, der etwas anderes behauptet, lügt. Jeder, der mit diesen Ängsten spielt, der sie befeuert, macht sich zu einem Komplizen der Attentäter.

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Der Berliner Anschlag und die Manipulatoren

Natürlich ist es richtig, besonnen zu bleiben und nun erst einmal alle Fakten zu prüfen. Es befremdet mich, dass für manche Politiker, gerade von AfD, schon wenige Minuten später feststeht, wer die Schuldigen sind. „Es sind Merkels Tote“, twitterte AfD-Pretzell, als Rettungskräfte noch um das Leben der Opfer kämpften. Nein, es sind die Toten des Verbrechers, der den Lastwagen in einen Weihnachtsmarkt lenkte. Ich unterstütze die Aussage von Grünen-Chef Özdemir: Der AfD mangelt es neben vielen anderen Eigenschaften auch an Anstand. Wie kann jemand, der einen Funken Ehrgefühl hat, so etwas in dieser Stunde twittern?

Dieser Anschlag testet unsere Zivilgesellschaft. Einige Damen und Herren sind schon nach wenigen Minuten durchgefallen. Nach Medienberichten handelt es sich beim Täter offenbar um einen Flüchtling aus Pakistan. Sollte dies der Fall sein – ich betone: sollte, denn diese Sachlage ist noch nicht klar – dann ist es eine Schande, denn er hat unsere Gastfreundschaft auf hinterhältige Art missbraucht. Diskreditiert er damit alle Menschen, die bei uns Schutz suchen? Tragen deshalb 99,99 Prozent der Flüchtlinge eine Mitschuld?

Nein, das darf nicht sein. Wir sollten nun als Land als eine Einheit zusammenstehen – und für unsere freiheitlichen Werte eintreten.

 

(Redaktion: Stefan Kruecken)

KAPITÄN STEFAN SCHMIDT, Jahrgang 1942, fuhr viele Jahre zur See und war Leiter der Seefahrtsschule auf Tuvalu. 2004 rettete er Flüchtlinge aus dem Mittelmeer, wurde deshalb angeklagt und ging dafür fast in den Knast. Seit fünf Jahren ist er Zuwanderungsbeauftragter des Landes Schleswig-Holstein. Er lebt in Lübeck. Im Ankerherz Blog und auf seiner Facebook-Seite berichtet er von seinem Leben und seiner Arbeit.

 

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